| Gottlob Frege: Der Gedanke. Eine logische
Untersuchung Beiträge zur Philosophie des deutschen Idealismus 2 19181919, S. 5877 Die [nn] geben die Originalseitenzahlen an |
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[58] Wie das Wort schön Zunächst aber will ich ganz im Rohen die
Umrisse dessen zu zeichnen versuchen, was ich in diesem Zusammenhange wahr
nennen will. So mögen denn Gebrauchsweisen unseres Wortes abgelehnt
werden, die abseits liegen. Es soll hier nicht in dem Sinne von
wahrhaftig Das Wort wahr Wenn man Wahrheit von einem Bilde aussagt, will man
eigentlich keine Eigenschaft aussagen, welche diesem Bilde ganz losgelöst
von anderen Dingen zukäme, sondern man hat dabei immer noch eine ganz
andere Sache im Auge, und man will sagen, daß jenes Bild mit dieser Sache
irgendwie übereinstimme. Meine Vorstellung stimmt mit dem
Kölner Dome überein Ohne damit eine Definition geben zu wollen, nenne ich Gedanken etwas, bei dem überhaupt Wahrheit in Frage kommen kann. Was [61] falsch ist, rechne ich also ebenso zu den Gedanken, wie das, was wahr ist (1). Demnach kann ich sagen: der Gedanke ist der Sinn eines Satzes, ohne damit behaupten zu wollen, daß der Sinn jedes Satzes ein Gedanke sei. Der an sich unsinnliche Gedanke kleidet sich in das sinnliche Gewand des Satzes und wird uns damit faßbarer. Wir sagen, der Satz drücke einen Gedanken aus. Der Gedanke ist etwas Unsinnliches, und alle
sinnlich wahrnehmbaren Dinge sind von dem Gebiete dessen auszuschließen,
bei dem überhaupt Wahrheit in Frage kommen kann. Wahrheit ist nicht eine
Eigenschaft, die einer besonderen Art von Sinneseindrücken entspricht. So
unterscheidet sie sich scharf von Eigenschaften, die wir mit den Wörtern
rot Immerhin gibt es zu denken, daß wir an keinem
Dinge eine Eigenschaft erkennen können, ohne damit zugleich den Gedanken,
daß dieses Ding diese Eigenschaft habe, wahr zu finden. So ist mit jeder
Eigenschaft eines Dinges eine Eigenschaft eines Gedankens verknüpft,
nämlich die der Wahrheit. Beachtenswert ist es auch, daß der Satz
ich rieche Veilchenduft Um das, was ich Gedanken nennen will, schärfer
herauszuarbeiten, unterscheide ich Arten von Sätzen (2). Einem Befehlssatze wird man einen Sinn
nicht absprechen wollen; aber dieser Sinn ist nicht derart, daß Wahrheit
bei ihm in Frage kommen könnte. Darum werde ich den Sinn eines
Befehlssatzes nicht Gedanken nennen. Ebenso sind Wunsch- und Bittsätze
auszuschließen. In Betracht kommen können Sätze, in denen wir
etwas mitteilen oder behaupten. Aber Ausrufe, in denen man seinen Gefühlen
Luft macht, Stöhnen, Seufzen, Lachen rechne ich nicht dazu, es sei denn,
daß sie durch besondere Verabredung dazu bestimmt sind, etwas
mitzuteilen. Wie ist es aber bei den Fragesätzen? In einer Wortfrage
sprechen wir einen unvollständigen Satz aus, der erst durch die
Ergänzung, zu der wir auffordern, einen wahren Sinn erhalten soll. Die
Wortfragen bleiben hier demnach außer Betracht. Anders ist es bei den
Satzfragen. Wir erwarten ja
Indem wir eine Satzfrage bilden, haben wir die
erste Tat schon vollbracht. Ein Fortschritt in der Wissenschaft geschieht
gewöhnlich so, daß zuerst ein Gedanke gefaßt wird, wie er etwa
in einer Satzfrage ausgedrückt werden kann, worauf dann nach angestellten
Untersuchungen dieser Gedanke zuletzt als wahr [63] erkannt wird. In der Form
des Behauptungssatzes sprechen wir die Anerkennung der Wahrheit aus. Wir
brauchen dazu das Wort wahr Ein Behauptungssatz enthält außer einem
Gedanken und der Behauptung oft noch ein Drittes, auf das sich die Behauptung
nicht erstreckt. Das soll nicht selten auf das Gefühl, die Stimmung des
Hörers wirken oder seine Einbildungskraft anregen. Wörter wie
leider [64] Manches in der Sprache dient dazu, dem
Hörer die Auffassung zu erleichtern, z. B. die Hervorhebung eines
Satzgliedes durch Betonung oder Wortstellung. Man denke auch an Wörter wie
noch So überragt der Inhalt eines Satzes nicht
selten den in ihm ausgedrückten Gedanken. Aber auch das Umgekehrte kommt
oft vor, daß nämlich der bloße Wortlaut, welcher durch die
Schrift oder den Phonographen festgehalten werden kann, zum Ausdruck des
Gedankens nicht hinreicht. Das Tempus Praesens wird in zweifacher Weise
gebraucht: erstens, um eine Zeitangabe zu machen, zweitens um jede zeitliche
Beschränkung aufzuheben, falls Zeitlosigkeit oder Ewigkeit Bestandteil des
Gedankens ist. Man denke z. B. an die Gesetze der Mathematik. Welcher der
beiden Fälle stattfinde, wird nicht ausgedrückt, sondern muß
erraten werden. Wenn mit dem Praesens eine Zeitangabe gemacht werden
soll, muß man wissen, wann der Satz ausgesprochen worden ist, um den
Gedanken richtig aufzufassen. Dann ist also die Zeit des Sprechens Teil des
Gedankenausdrucks. Wenn jemand heute dasselbe sagen will, was er gestern das
Wort heute Das Vorkommen des Wortes ich Es liege folgender Fall vor. Dr. Gustav Lauben
sagt: Ich bin verwundet worden Es werde weiter angenommen, Herbert Garner wisse,
daß Dr. Gustav Lauben am 13. September 1875 in N. N. geboren ist und
daß dies auf keinen anderen zutrifft; dagegen wisse er nicht, wo Dr.
Lauben jetzt wohnt, noch sonst etwas von ihm. Andererseits wisse Leo Peter
nicht, daß Dr. Gustav Lauben am 13. September 1875 in N. N. geboren ist.
Dann sprechen Herbert Garner und Leo Peter, soweit der Eigenname Dr.
Gustav Lauben Demnach kommt es bei einem Eigennamen darauf an, wie der, die oder das durch ihn Bezeichnete gegeben ist. Das kann in [66] verschiedener Weise geschehen, und jeder solchen Weise entspricht ein besonderer Sinn eines Satzes, der den Eigennamen enthält. Die verschiedenen Gedanken, die sich so aus demselben Satze ergeben, stimmen freilich in ihrem Wahrheitswerte überein, d. h. wenn einer von ihnen wahr ist, sind sie alle wahr, und wenn einer von ihnen falsch ist, sind sie alle falsch. Dennoch ist ihre Verschiedenheit anzuerkennen. Es muß also eigentlich gefordert werden, daß mit jedem Eigennamen eine einzige Weise verknüpft sei, wie der, die oder das durch ihn Bezeichnete gegeben sei. Daß diese Forderung erfüllt werde, ist oft unerheblich, aber nicht immer. Nun ist jeder sich selbst in einer besonderen und
ursprünglichen Weise gegeben, wie er keinem anderen gegeben ist. Wenn nun
Dr. Lauben denkt, daß er verwundet worden ist, wird er dabei
wahrscheinlich diese ursprüngliche Weise, wie er sich selbst gegeben ist,
zugrunde legen. Und den so bestimmten Gedanken kann nur Dr. Lauben selbst
fassen. Nun aber wollte er anderen eine Mitteilung machen. Einen Gedanken, den
nur er allein fassen kann, kann er nicht mitteilen. Wenn er nun also sagt:
Ich bin verwundet worden Doch da kommt ein Bedenken. Ist das überhaupt derselbe Gedanke, den zuerst jener und nun dieser Mensch ausspricht? Der von der Philosophie noch unberührte Mensch kennt zunächst Dinge, die er sehen, tasten, kurz, mit den Sinnen wahrnehmen kann, wie Bäume, Steine, Häuser, und er ist überzeugt, daß ein anderer denselben Baum, denselben Stein, den er selbst sieht und tastet, gleichfalls sehn und tasten kann. Zu diesen Dingen gehört ein Gedanke offenbar nicht. Kann er nun trotzdem den Menschen als derselbe gegenüberstehn wie ein Baum? Auch der unphilosophische Mensch sieht sich bald
genötigt, eine von der Außenwelt verschiedene Innenwelt
anzuerkennen, eine Welt der Sinneseindrücke, der Schöpfungen seiner
Einbildungskraft, der Empfindungen, der Gefühle und Stimmungen, eine Welt
der Neigungen, Wünsche und Entschlüsse. Um einen kurzen Ausdruck zu
haben, will ich dies mit Ausnahme der Entschlüsse unter dem Worte
Vorstellung Gehören nun die Gedanken dieser Innenwelt an? Sind sie Vorstellungen? Entschlüsse sind sie offenbar nicht. [67] Wodurch unterscheiden sich die Vorstellungen von den Dingen der Außenwelt? Zuerst:
Ich mache mit einem Begleiter einen Spaziergang. Ich sehe eine grüne Wiese; ich habe dabei den Gesichtseindruck des Grünen. Ich habe ihn, aber ich sehe ihn nicht.
Die Wiese und die Frösche auf ihr, die Sonne, die sie bescheint, sind da, einerlei ob ich sie anschaue oder nicht; aber der Sinneseindruck des Grünen, den ich habe, besteht nur durch mich; ich bin sein Träger. Es scheint uns ungereimt, daß ein Schmerz, eine Stimmung, ein Wunsch sich ohne einen Träger selbständig in der Welt umhertreibe. Eine Empfindung ist nicht ohne einen Empfindenden möglich. Die Innenwelt hat zur Voraussetzung einen, dessen Innenwelt sie ist.
Mein Begleiter und ich sind überzeugt,
daß wir beide dieselbe Wiese sehen; aber jeder von uns hat einen
besonderen Sinneseindruck des Grünen. Ich erblicke eine Erdbeere zwischen
den grünen Erdbeerblättern. Mein Begleiter findet sie nicht; er ist
farbenblind. Der Farbeneindruck, den er von der Erdbeere erhält,
unterscheidet sich nicht merklich von dem, den er von dem Blatt erhält.
Sieht nun mein Begleiter das grüne Blatt rot, oder sieht er die rote Beere
grün? oder sieht er beide in einer Farbe, die ich gar nicht kenne? Das
sind unbeantwortbare, ja eigentlich unsinnige Fragen. Denn das Wort
rot
Sonst hätte sie unabhängig von diesem und
unabhängig von jenem Bestand. Ist jene Linde meine Vorstellung? Indem ich
in dieser Frage den Ausdruck jene Linde Ich komme nun auf die Frage zurück: Ist der
Gedanke eine Vorstellung? Wenn der Gedanke, den ich im pythagoreischen Lehrsatz
ausspreche, ebenso von andern wie von mir als wahr anerkannt werden kann, dann
gehört er nicht zum Inhalte meines Bewußtseins, dann bin ich nicht
sein Träger und kann ihn trotzdem als wahr anerkennen. Wenn es aber gar
nicht derselbe Gedanke ist, der von mir und der von jenem als Inhalt des
pythagoreischen Lehrsatzes angesehen wird, dann dürfte man eigentlich
nicht sagen der pythagoreische Lehrsatz Wenn jeder Gedanke eines Trägers bedarf, zu
dessen Bewußtseinsinhalte er gehört, so ist er Gedanke nur dieses
Trägers, und es gibt keine Wissenschaft, welche vielen gemeinsam
wäre, an welcher viele arbeiten könnten; sondern ich habe vielleicht
meine Wissenschaft, nämlich ein Ganzes von Gedanken, deren Träger ich
bin, ein anderer hat seine Wissenschaft. Jeder von uns beschäftigt sich
mit Inhalten seines Bewußtseins. Ein Widerspruch zwischen beiden
Wissenschaften ist dann nicht möglich; und es ist eigentlich
müßig, sich um die Wahrheit zu streiten, ebenso müßig, ja
beinahe lächerlich, wie es wäre, wenn zwei Leute sich stritten, ob
ein Hundertmarkschein echt wäre, wobei jeder von beiden denjenigen meinte,
den er selber in seiner Tasche hätte, und das Wort echt So scheint das Ergebnis zu sein: Die Gedanken sind weder Dinge der Außenwelt noch Vorstellungen. Ein drittes Reich muß anerkannt werden. Was zu diesem gehört, stimmt mit den Vorstellungen darin überein, daß es nicht mit den Sinnen wahrgenommen werden kann, mit den Dingen aber darin, daß es keines Trägers bedarf, zu dessen Bewußtseinsinhalte es gehört. So ist z. B. der Gedanke, den wir im pythagoreischen Lehrsatz aussprachen, zeitlos wahr, unabhängig davon wahr, ob irgendjemand ihn für wahr hält. Er bedarf keines Trägers. Er ist wahr nicht erst, seitdem er entdeckt worden ist, wie ein Planet, schon bevor jemand ihn gesehen hat, mit andern Planeten in Wechselwirkung gewesen ist (5). Aber einen seltsamen Einwurf glaube ich zu hören. Ich habe mehrfach angenommen, dasselbe Ding, das ich sehe, könne auch von einem andern betrachtet werden. Wie aber, wenn alles nur Traum wäre? Wenn ich meinen Spaziergang in Begleitung eines andern nur träumte, wenn ich nur träumte, daß mein Begleiter wie ich die grüne Wiese sähe, wenn das alles nur ein Schauspiel wäre, aufgeführt auf der Bühne meines Bewußtseins, so wäre es zweifelhaft, ob es überhaupt Dinge der Außenwelt gebe. Vielleicht ist das Reich der Dinge leer, und ich sehe keine Dinge, auch keine Menschen, sondern ich habe vielleicht nur Vorstellungen, deren Träger ich selbst bin. Etwas, was ebensowenig wie mein Ermüdungsgefühl unabhängig von mir bestehen kann, eine Vorstellung kann kein Mensch sein, kann nicht mit mir zusammen dieselbe Wiese betrachten, kann nicht die Erdbeere sehen, die ich [70] halte. Daß ich statt der ganzen Umwelt, in der ich mich zu bewegen, zu schaffen gemeint, eigentlich nur meine Innenwelt habe, ist doch ganz unglaublich. Und doch ist es unausweichliche Folge des Satzes, daß nur das Gegenstand meiner Betrachtung sein kann, was meine Vorstellung ist. Was würde aus diesem Satze folgen, wenn er wahr wäre? Gäbe es dann andere Menschen? Das wäre schon möglich; aber ich wüßte nichts von ihnen: denn ein Mensch kann nicht meine Vorstellung, folglich, wenn unser Satz wahr wäre, auch nicht Gegenstand meiner Betrachtung sein. Und damit wäre allen Erwägungen der Boden entzogen, bei denen ich annahm, etwas könnte einem andern ebenso Gegenstand sein wie mir; denn selbst, wenn es vorkäme, wußte ich nichts davon. Dasjenige, dessen Träger ich bin, von demjenigen zu unterscheiden, dessen Träger ich nicht bin, wäre mir unmöglich. Indem ich urteilte, etwas wäre nicht meine Vorstellung, machte ich es zum Gegenstande meines Denkens und damit zu meiner Vorstellung. Gibt es bei dieser Auffassung eine grüne Wiese? Vielleicht, aber sie wäre mir nicht sichtbar. Ist nämlich eine Wiese nicht meine Vorstellung, so kann sie nach unserm Satze nicht Gegenstand meiner Betrachtung sein. Ist sie aber meine Vorstellung, so ist sie unsichtbar; denn Vorstellungen sind nicht sichtbar. Ich kann zwar die Vorstellung einer grünen Wiese haben; aber diese ist nicht grün; denn grüne Vorstellungen gibt es nicht. Gibt es nach dieser Ansicht ein Geschoß von 100 kg Gewicht? Vielleicht; aber ich könnte nichts von ihm wissen. Wenn ein Geschoß nicht meine Vorstellung ist, so kann es nach unserm Satze nicht Gegenstand meiner Betrachtung, meines Denkens sein. Wenn ein Geschoß aber meine Vorstellung wäre, so hätte es kein Gewicht. Ich kann eine Vorstellung von einem schweren Geschosse haben. Diese enthält dann als Teilvorstellung die der Gewichtigkeit. Diese Teilvorstellung ist aber nicht Eigenschaft der Gesamtvorstellung, ebensowenig, wie Deutschland Eigenschaft Europas ist. So ergibt sich: Entweder der Satz ist falsch, daß nur das Gegenstand meiner Betrachtung sein kann, was meine Vorstellung ist; oder all mein Wissen und Erkennen beschränkt sich auf den Bereich meiner Vorstellungen, auf die Bühne meines Bewußtseins. In diesem Falle hätte ich nur eine Innenwelt, und ich wußte nichts von andern Menschen. Es ist wundersam, wie bei solchen Erwägungen die Gegensätze ineinander umschlagen. Da ist z. B. ein Sinnesphysiologe. Wie es sich für einen wissenschaftlichen Naturforscher ziemt, ist er zunächst weit davon entfernt, die Dinge, die zu sehen und zu tasten er überzeugt ist, für seine Vorstellungen zu halten. Im Gegenteil glaubt er in den Sinneseindrücken die sichersten Zeugnisse von Dingen zu haben, die ganz unabhängig von seinem Fühlen, Vorstellen, Denken bestehen, die sein Bewußtsein nicht nötig haben. Nervenfasern, Ganglienzellen erkennt er so wenig als Inhalt seines Bewußtseins an, daß er eher geneigt ist, umgekehrt sein Bewußtsein als abhängig von Nervenfasern und Ganglienzellen anzusehen. Er stellt fest, daß Lichtstrahlen, im Auge gebrochen, die Endigungen des Sehnerven treffen und da eine Veränderung, einen Reiz bewirken. Etwas davon wird weitergeleitet durch Nervenfasern zu Ganglienzellen. Es schließen sich daran vielleicht [71] weitere Vorgänge im Nervensystem, und es entstehen Farbenempfindungen, und diese verbinden sich zu dem, was wir vielleicht Vorstellung eines Baumes nennen. Zwischen den Baum und meine Vorstellung schieben sich physikalische, chemische, physiologische Vorgänge ein. Mit meinem Bewußtsein unmittelbar zusammen hängen aber, wie es scheint, nur Vorgänge in meinem Nervensystem; und jeder Beschauer des Baumes hat seine besonderen Vorgänge in seinem besonderen Nervensystem. Nun können die Lichtstrahlen, bevor sie in mein Auge dringen, von einer Spiegelfläche zurückgeworfen worden sein und sich nun so weiter verbreiten, als wären sie von Orten hinter dem Spiegel ausgegangen. Die Wirkungen auf die Sehnerven und alles Folgende wird nun gerade so vor sich gehen, wie es vor sich gehen würde, wenn die Lichtstrahlen von einem Baume hinter dem Spiegel ausgegangen wären und sich ungestört bis ans Auge fortgepflanzt hätten. So wird denn schließlich auch eine Vorstellung eines Baumes zustande kommen, wenn es einen solchen Baum auch gar nicht gibt. Auch durch Beugung des Lichtes kann durch Vermittelung des Auges und des Nervensystems eine Vorstellung entstehen, der gar nichts entspricht. Die Reizung des Sehnerven braucht aber gar nicht einmal durch Licht zu geschehen. Wenn in unserer Nähe ein Blitz niedergeht, glauben wir Flammen zu sehen, auch wenn wir den Blitz selbst nicht sehen können. Der Sehnerv wird dann etwa durch elektrische Ströme gereizt, die in unserm Leibe infolge des Blitzschlages entstehen. Wenn der Sehnerv dadurch ebenso gereizt wird, wie er durch Lichtstrahlen gereizt werden würde, die von Flammen ausgingen, so glauben wir Flammen zu sehen. Es kommt eben auf die Reizung des Sehnerven an; wie sie zustande kommt, ist gleichgültig. Man kann noch einen Schritt weitergehen. Eigentlich ist doch diese Reizung des Sehnerven nicht unmittelbar gegeben, sondern nur Annahme. Wir glauben, daß ein von uns unabhängiges Ding einen Nerv reize und dadurch einen Sinneseindruck bewirke; aber genau genommen, erleben wir nur das Ende dieses Vorganges, das in unser Bewußtsein hereinragt. Könnte nicht dieser Sinneseindruck, diese Empfindung, die wir auf einen Nervenreiz zurückführen, auch andere Ursachen haben, wie ja auch derselbe Nervenreiz in verschiedener Weise entstehen kann? Nennen wir das in unser Bewußtsein Fallende Vorstellung, so erleben wir eigentlich nur Vorstellungen, nicht aber deren Ursachen. Und wenn der Forscher alle bloßen Annahmen fernhalten will, so bleiben ihm nur Vorstellungen; alles löst sich ihm in Vorstellungen auf, auch die Lichtstrahlen, die Nervenfasern und Ganglienzellen, von denen er ausgegangen ist. So unterwühlt er schließlich die Grundlagen seines eigenen Baues. Alles ist Vorstellung? Alles bedarf eines Trägers, ohne den es keinen Bestand hat? Ich habe mich als Träger meiner Vorstellungen angesehen; aber bin ich nicht selbst eine Vorstellung? Es ist mir so, als läge ich auf einem Liegestuhle, als sähe ich ein Paar gewichster Stiefelspitzen, die Vorderseite einer Hose, eine Weste, Knöpfe, Teile eines Rockes, insbesondere Ärmel, zwei Hände, einige Barthaare, verschwommene Umrisse einer Nase. Und dieser ganze Verein von Gesichtseindrücken, diese Gesamtvorstellung bin ich selbst? Es ist mir auch so, als sähe ich dort einen Stuhl. Es ist eine Vorstellung. Eigentlich unterscheide ich mich gar nicht so sehr von [72] dieser; denn bin ich nicht selbst ebenfalls ein Verein von Sinneseindrücken, eine Vorstellung? Wo ist denn aber der Träger dieser Vorstellungen? Wie komme ich dazu, eine dieser Vorstellungen herauszugreifen und sie als Trägerin der andern hinzustellen? Warum muß das die Vorstellung sein, die ich ich zu nennen beliebe? Könnte ich nicht ebenso gut die dazu wählen, die ich einen Stuhl zu nennen in Versuchung bin? Doch wozu überhaupt ein Träger der Vorstellungen? Ein solcher wäre doch immer etwas von den bloß getragenen Vorstellungen wesentlich Verschiedenes, etwas Selbständiges, was keines fremden Trägers bedürfte. Wenn alles Vorstellung ist, so gibt es keinen Träger der Vorstellungen. Und so erlebe ich nun wieder einen Umschlag ins Entgegengesetzte. Wenn es keinen Träger der Vorstellungen gibt, so gibt es auch keine Vorstellungen; denn Vorstellungen bedürfen eines Trägers, ohne den sie nicht bestehen können. Wenn kein Herrscher da ist, gibt es auch keine Untertanen. Die Unselbständigkeit, die ich der Empfindung gegenüber dem Empfindenden zuzuerkennen mich bewogen fand, fällt weg, wenn kein Träger mehr da ist. Was ich Vorstellungen nannte, sind dann selbständige Gegenstände. Demjenigen Gegenstande, den ich ich nenne, eine besondere Stellung einzuräumen, fehlt jeder Grund. Aber ist denn das möglich? Kann es ein Erleben
geben, ohne jemanden, der es erlebt? Was wäre dieses ganze Schauspiel ohne
einen Zuschauer? Kann es einen Schmerz geben, ohne jemanden, der ihn hat? Das
Empfundenwerden gehört notwendig zum Schmerze, und zum Empfundenwerden
gehört wieder jemand, der empfindet. Dann aber gibt es etwas, was nicht
meine Vorstellung ist und doch Gegenstand meiner Betrachtung, meines Denkens
sein kann, und ich bin von der Art. Oder kann ich Teil des Inhalts meines
Bewußtseins sein, während ein anderer Teil vielleicht eine
Mondvorstellung ist? Findet das etwa statt, wenn ich urteile, daß ich den
Mond betrachte? Dann hätte dieser erste Teil ein Bewußtsein, und ein
Teil des Inhalts dieses Bewußtseins wäre wiederum ich. U. s. f.
Daß ich so ins Unendliche in mir eingeschachtelt wäre, ist doch wohl
undenkbar; denn dann gebe es ja nicht nur ein ich, sondern unendlich viele. Ich
bin nicht meine eigene Vorstellung, und wenn ich etwas von mir behaupte, z. B.
daß ich augenblicklich keinen Schmerz empfinde, so betrifft mein Urteil
etwas, was nicht Inhalt meines Bewußtseins, nicht meine Vorstellung ist,
nämlich mich selbst. Also ist das, wovon ich etwas aussage, nicht
notwendig meine Vorstellung. Aber, wendet man vielleicht ein, wenn Ich meine,
daß ich augenblicklich keinen Schmerz habe, entspricht dann nicht doch
dem Worte ich [73] Nun ist der Weg frei, daß ich auch einen andern Menschen anerkennen kann als selbständigen Träger von Vorstellungen. Ich habe eine Vorstellung von ihm; aber ich verwechsele sie nicht mit ihm selbst. Und wenn ich etwas von meinem Bruder aussage, so sage ich es nicht von der Vorstellung aus, die ich von meinem Bruder habe. Der Kranke, der einen Schmerz hat, ist Träger dieses Schmerzes; aber der behandelnde Arzt, der über die Ursache dieses Schmerzes nachdenkt, ist nicht Träger des Schmerzes. Er bildet sich nicht ein, dadurch den Schmerz des Kranken stillen zu können, daß er sich selbst betäube. Zwar mag dem Schmerze des Kranken eine Vorstellung im Bewußtsein des Arztes entsprechen; aber diese ist nicht der Schmerz und nicht das, was der Arzt auszulöschen bemüht ist. Möge der Arzt einen andern Arzt zuziehen. Dann ist zu unterscheiden: erstens der Schmerz, dessen Träger der Kranke ist, zweitens die Vorstellung des ersten Arztes von diesem Schmerze, drittens die Vorstellung des zweiten Arztes von diesem Schmerze. Diese Vorstellung gehört zwar zum Inhalte des Bewußtseins des zweiten Arztes, ist aber nicht Gegenstand seines Nachdenkens, vielleicht aber Hilfsmittel beim Nachdenken, wie etwa eine Zeichnung ein solches Hilfsmittel sein kann. Beide Ärzte haben als gemeinsamen Gegenstand den Schmerz des Kranken, dessen Träger sie nicht sind. Es ist daraus zu ersehen, daß nicht nur ein Ding, sondern auch eine Vorstellung gemeinsamer Gegenstand des Denkens von Menschen sein kann, die diese Vorstellung nicht haben. So, scheint mir, wird die Sache verständlich.
Wenn der Mensch nicht denken und zum Gegenstande seines Denkens nicht etwas
nehmen könnte, dessen Träger er nicht ist, hätte er wohl eine
Innenwelt, nicht eine Umwelt. Aber kann das nicht auf einem Irrtume beruhen?
Ich bin überzeugt, daß der Vorstellung, die ich mit den Worten
mein Bruder Als Ergebnis der letzten Betrachtungen stelle ich folgendes fest: Nicht alles ist Vorstellung, was Gegenstand meines Erkennens sein kann. Ich selbst bin als Träger von Vorstellungen nicht selber eine Vorstellung. Es steht nun nichts im Wege, auch andere Menschen als Träger von Vorstellungen, ähnlich mir selber, anzuerkennen. Und wenn die Möglichkeit erst einmal gegeben ist, ist die [74] Wahrscheinlichkeit sehr groß, so groß, daß sie sich für meine Auffassung von der Gewißheit nicht mehr unterscheidet. Gäbe es sonst eine Geschichtswissenschaft? Würde sonst nicht jede Pflichtenlehre, nicht jedes Recht hinfällig? Was bliebe von der Religion übrig? Auch die Naturwissenschaften könnten nur noch als Dichtungen, ähnlich der Astrologie und Alchemie bewertet werden. Die Überlegungen also, die ich angestellt habe, voraussetzend, daß es außer mir Menschen gebe, die mit mir dasselbe zum Gegenstande ihrer Betrachtung, ihres Denkens machen können, bleiben im wesentlichen ungeschwächt in Kraft. Nicht alles ist Vorstellung. So kann ich denn auch
den Gedanken als unabhängig von mir anerkennen, den auch andere Menschen
ebenso wie ich fassen können. Ich kann eine Wissenschaft anerkennen, an
der viele sich forschend betätigen können. Wir sind nicht Träger
der Gedanken, wie wir Träger unserer Vorstellungen sind. Wir haben einen
Gedanken, nicht, wie wir etwa einen Sinneseindruck haben; wir sehen aber auch
einen Gedanken nicht, wie wir etwa einen Stern sehen. Darum ist es anzuraten,
hier einen besonderen Ausdruck zu wählen, und als solcher bietet sich uns
das Wort fassen Nicht alles ist Vorstellung. Sonst enthielte die Psychologie alle Wissenschaften in sich oder wäre wenigstens die oberste Richterin über alle Wissenschaften. Sonst beherrschte die Psychologie auch die Logik und die Mathematik. Nichts hieße aber die Mathematik mehr verkennen als ihre Unterordnung unter die Psychologie. Weder die Logik noch die Mathematik hat als Aufgabe, die Seelen und den Bewußtseinsinhalt zu erforschen, dessen Träger der einzelne Mensch ist. Eher könnte man vielleicht als ihre Aufgabe die Erforschung des Geistes hinstellen, des Geistes, nicht der Geister. [75] Das Fassen der Gedanken setzt einen Fassenden, einen Denkenden voraus. Dieser ist dann Träger des Denkens, nicht aber des Gedankens. Obgleich zum Bewußtseinsinhalte des Denkenden der Gedanke nicht gehört, muß doch in dem Bewußtsein etwas auf den Gedanken hinzielen. Dieses darf aber nicht mit dem Gedanken selbst verwechselt werden. So ist auch Algol selbst verschieden von der Vorstellung, die jemand von Algol hat. Der Gedanke gehört weder als Vorstellung meiner Innenwelt noch auch der Außenwelt, der Welt der sinnlich wahrnehmbaren Dinge an. Dieses Ergebnis, wie zwingend es sich auch aus dem Dargelegten ergeben mag, wird dennoch vielleicht nicht ohne Widerstand angenommen werden. Es wird manchem, denke ich, unmöglich scheinen, von etwas Kunde zu erlangen, was nicht seiner Innenwelt angehört, außer durch Sinneswahrnehmung. In der Tat wird die Sinneswahrnehmung oft als die sicherste, ja sogar als die einzige Erkenntnisquelle für alles angesehen, was nicht der Innenwelt angehört. Aber mit welchem Rechte? Zur Sinneswahrnehmung gehört doch wohl als notwendiger Bestandteil der Sinneseindruck, und dieser ist Teil der Innenwelt. Denselben haben zwei Menschen jedenfalls nicht, wenn sie auch ähnliche Sinneseindrücke haben mögen. Diese allein eröffnen uns nicht die Außenwelt. Vielleicht gibt es ein Wesen, das nur Sinneseindrücke hat, ohne Dinge zu sehen oder zu tasten. Das Haben von Gesichtseindrücken ist noch kein Sehen von Dingen. Wie kommt es, daß ich den Baum gerade dort sehe, wo ich ihn sehe? Offenbar liegt es an den Gesichtseindrücken, die ich habe, und an der besonderen Art von solchen, die dadurch zustande kommen, daß ich mit zwei Augen sehe. Auf jeder der beiden Netzhäute entsteht, physikalisch gesprochen, ein besonderes Bild. Ein anderer sieht den Baum an derselben Stelle. Auch er hat zwei Netzhautbilder, die aber von meinen abweichen. Wir müssen annehmen, daß diese Netzhautbilder für unsere Eindrücke bestimmend sind. Demnach haben wir nicht nur nicht dieselben, sondern merklich voneinander abweichende Gesichtseindrücke. Und doch bewegen wir uns in derselben Außenwelt. Das Haben von Gesichtseindrücken ist zwar nötig zum Sehen der Dinge, aber nicht hinreichend. Was noch hinzukommen muß, ist nichts Sinnliches. Und dieses ist es doch gerade, was uns die Außenwelt aufschließt; denn ohne dieses Nichtsinnliche bliebe jeder in seiner Innenwelt eingeschlossen. Da also die Entscheidung im Nichtsinnlichen liegt, könnte ein Nichtsinnliches auch da, wo keine Sinneseindrücke mitwirken, uns aus der Innenwelt hinausführen und uns Gedanken fassen lassen. Außer seiner Innenwelt hätte man zu unterscheiden die eigentliche Außenwelt der sinnlich wahrnehmbaren Dinge und das Reich desjenigen, was nicht sinnlich wahrnehmbar ist. Zur Anerkennung beider Reiche bedürften wir eines Unsinnlichen; aber bei der sinnlichen Wahrnehmung der Dinge hätten wir außerdem noch Sinneseindrücke nötig, und diese gehören ja ganz der Innenwelt an. So ist dasjenige, worauf der Unterschied des Gegebenseins eines Dinges von dem eines Gedankens hauptsächlich beruht, etwas, was keinem der beiden Reiche, sondern der Innenwelt zuzuweisen ist. So kann ich diesen Unterschied nicht so groß finden, daß dadurch das Gegebensein eines der Innenwelt nicht angehörenden Gedankens unmöglich werden könnte. [76] Freilich ist der Gedanke nicht etwas, was man
wirklich zu nennen gewohnt ist. Die Welt des Wirklichen ist eine Welt, in der
dieses auf jenes wirkt es verändert und selbst wieder Gegenwirkungen
erfährt und dadurch verändert wird. Alles das ist ein Geschehen in
der Zeit. Was zeitlos und unveränderlich ist, werden wir schwerlich als
wirklich anerkennen. Ist nun der Gedanke veränderlich, oder ist er
zeitlos? Der Gedanke, den wir im pythagoreischen Lehrsatz aussprechen, ist doch
wohl zeitlos, ewig, unveränderlich. Aber gibt es nicht auch Gedanken, die
heute wahr sind, nach einem halben Jahre aber falsch? Der Gedanke z. B.,
daß der Baum dort grün belaubt ist, ist doch wohl nach einem halben
Jahre falsch? Nein; denn es ist gar nicht derselbe Gedanke. Der Wortlaut
dieser Baum ist grün belaubt Und doch! Welchen Wert könnte das ewig Unveränderliche für uns haben, das Wirkungen weder erfahren noch auf uns haben könnte? Etwas ganz und in jeder Hinsicht Unwirksames wäre auch ganz unwirklich und für uns nicht vorhanden. Selbst das Zeitlose muß irgendwie mit der Zeitlichkeit verflochten sein, wenn es uns etwas sein soll. Was wäre ein Gedanke für mich, der nie von mir gefaßt würde! Dadurch aber, daß ich einen Gedanken fasse, trete ich zu ihm in eine Beziehung und er zu mir. Es ist möglich, daß derselbe Gedanke, der heute von mir gedacht wird, gestern nicht von mir gedacht wurde. Damit ist die strenge Unzeitlichkeit des Gedankens allerdings aufgehoben. Aber man wird geneigt sein, zwischen wesentlichen und unwesentlichen Eigenschaften zu unterscheiden und etwas als zeitlos anzuerkennen, wenn die Veränderungen, die es erfährt, nur die unwesentlichen Eigenschaften betreffen. Unwesentlich wird man eine Eigenschaft eines Gedankens nennen, die darin besteht oder daraus folgt, daß er von einem Denkenden gefaßt wird. Wie wirkt ein Gedanke? Dadurch, daß er gefaßt und für wahr gehalten wird. Das ist ein Vorgang in der Innenwelt eines Denkenden, der weitere Folgen in dieser Innenwelt haben kann, die, auf das Gebiet des Willens übergreifend, sich auch in der Außenwelt bemerkbar machen. Wenn ich z. B. den Gedanken fasse, den wir im pythagoreischen Lehrsatze aussprechen, so kann die Folge [77] sein, daß ich ihn als wahr anerkenne, und weiter, daß ich ihn anwende, einen Beschluß fassend, der Beschleunigung von Massen bewirkt. So werden unsere Taten gewöhnlich durch Denken und Urteilen vorbereitet. Und so können Gedanken auf Massenbewegungen mittelbar Einfluß haben. Das Wirken von Mensch auf Mensch wird zumeist durch Gedanken vermittelt. Man teilt einen Gedanken mit. Wie geschieht das? Man bewirkt Veränderungen in der gemeinsamen Außenwelt, die, von dem andern wahrgenommen, ihn veranlassen sollen, einen Gedanken zu fassen und ihn für wahr zu halten. Die großen Begebenheiten der Weltgeschichte, konnten sie anders als durch Gedankenmitteilung zustande kommen? Und doch sind wir geneigt, die Gedanken für unwirklich zu halten, weil sie bei den Vorgängen untätig erscheinen, während das Denken, Urteilen, Aussprechen, Verstehen, alles Tun dabei Sache der Menschen ist. Wie ganz anders wirklich erscheint doch ein Hammer, verglichen mit einem Gedanken! Wie anders ist der Vorgang beim Überreichen eines Hammers als bei der Mitteilung eines Gedankens! Der Hammer geht aus einem Machtbereich in einen andern über, er wird ergriffen, erfährt dabei einen Druck, dadurch wird seine Dichte, die Lagerung seiner Teile stellenweise geändert. Von alledem hat man beim Gedanken eigentlich nichts. Der Gedanke verläßt bei der Mitteilung das Machtgebiet des Mitteilenden nicht; denn im Grunde hat der Mensch keine Macht über ihn. Indem der Gedanke gefaßt wird, bewirkt er Veränderungen zunächst nur in der Innenwelt des Fassenden; doch bleibt er selbst im Kerne seines Wesens davon unberührt, da die Veränderungen, die er erfährt, nur unwesentliche Eigenschaften betreffen. Es fehlt hier das, was wir im Naturgeschehen überall erkennen: die Wechselwirkung. Die Gedanken sind nicht durchaus unwirklich, aber ihre Wirklichkeit ist ganz anderer Art als die der Dinge. Und ihr Wirken wird ausgelöst durch ein Tun der Denkenden, ohne das sie wirkungslos wären, wenigstens soweit wir sehen können. Und doch schafft der Denkende sie nicht, sondern muß sie nehmen, wie sie sind. Sie können wahr sein, ohne von einem Denkenden gefaßt zu werden, und sind auch dann nicht ganz unwirklich, wenigstens wenn sie gefaßt und dadurch in Wirksamkeit gesetzt werden können. |
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(1) In
ähnlicher Weise hat man etwa gesagt: Ein Urteil ist etwas, was
entweder wahr oder falsch ist. (2) Ich
gebrauche das Wort Satz (3) Mir scheint, man habe bisher nicht genug zwischen Gedanken und Urteil unterschieden. Die Sprache verleitet vielleicht dazu. Wir haben ja im Behauptungssatze keinen besonderen Satzteil, der dem Behaupten entspricht, sondern daß man etwas behaupte, liegt in der Form des Behauptungssatzes. Im Deutschen haben wir dadurch einen Vorteil, daß Hauptsatz und Nebensatz sich durch die Wortstellung unterscheiden. Dabei ist freilich zu beachten, daß auch ein Nebensatz eine Behauptung enthalten kann und daß oft weder der Hauptsatz für sich noch ein Nebensatz für sich, sondern erst das Satzgefüge einen vollständigen Gedanken ausdrückt. (4) Ich bin hier nicht in der glücklichen Lage eines Mineralogen, der seinen Zuhörern einen Bergkristall zeigt. Ich kann meinen Lesern nicht einen Gedanken in die Hände geben mit der Bitte, ihn von allen Seiten recht genau zu betrachten. Ich muß mich begnügen, den an sich unsinnlichen Gedanken in die sinnliche sprachliche Form gehüllt dem Leser darzubieten. Dabei macht die Bildlichkeit der Sprache Schwierigkeiten. Das Sinnliche drängt sich immer wieder ein und macht den Ausdruck bildlich und damit uneigentlich. So entsteht ein Kampf mit der Sprache, und ich werde genötigt, mich noch mit der Sprache zu befassen, obwohl das ja hier nicht meine eigentliche Aufgabe ist. Hoffentlich ist es mir gelungen, meinen Lesern deutlich zu machen, was ich Gedanken nennen will. (5) Man sieht ein Ding, man hat eine Vorstellung, man faßt oder denkt einen Gedanken. Wenn man einen Gedanken faßt oder denkt, so schafft man ihn nicht, sondern tritt nur zu ihm, der schon vorher bestand, in eine gewisse Beziehung, die verschieden ist von der des Sehens eines Dinges und von der des Habens einer Vorstellung. (6) Der
Ausdruck Fassen |
| Typographische Hinweise Gegenüber der Nachdruck-Ausgabe (siehe weiter unten) habe ich geändert: [62] "gemein, hat" in "gemein hat" [72] "im Inhalte meines Bewußtsein?" in "im Inhalte meines Bewußtseins?" |
| Bei Amazon nachschauen | |
| Dieser bedeutende Aufsatz ist
zusammen mit einigen anderen zu finden in Gottlob Frege. Logische Untersuchungen. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1993. Günther Patzig, Hg. Taschenbuch, 146 Seiten. |
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