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Forster
"Keiner verachte den Andern". Georg Forsters Toleranzappell
anhand des Briefes vom 16.1. 1789 – Forster Zwei ergänzende Zitate, die Forsters Einstellung zeigenForster Links
In seinem Brief vom 16. Januar 1789 an Friedrich Heinrich Jacobi zeigt sich Georg Forster als kritischer Denker. Er spricht allen Denkrichtungen Theismus, Deismus, Spinozismus und Atheismus in ihren jeweiligen Grenzen ihre Berechtigung zu und endet mit:
"Wer also für Offenbarung empfänglich ist, der freue sich ihrer; wer sich ohne Offenbarung nicht zu rathen weiß, der bitte um Glauben oder um Geduld, und hüte sich vor Schwärmerei. – Keiner verachte den Andern."
Er selbst scheint mir zu diesem Zeitpunkt unentschlossen zwischen den Lagern zu stehen. Einleitend meint er, dass er sich mit seinen Überlegungen auf ein Feld wage, wo er nicht hingehöre.
Über die Metaphysik urteilt er zwiespältig. Zunächst traut er sich nicht mehr, "wie wohl ehedem, die Metaphysik als unnütz, zeitverderblich und unfruchtbar zu verwerfen", doch hält er sie gleich darauf für "ziemlich entbehrlich".
Er tadelt Johann Gottfried von Herder, der – wie viele andere – über Gott und übersinnliche Dinge nur menschlich spricht und sich damit in Widersprüchen verrennen muß.
Interessant ist seine Einstellung zu Vernunft und Gottesbegriff:
"Wer sich einmal darauf einläßt, die Vernunft zur Richterin über die Art und Weise der Existenz Gottes zu erheben, dem darf man getrost zurufen: entweder consequenter Theismus, oder consequenter Spinozismus! Entweder ein vernünftiger Gott oder ein nicht vernünftiger, d. i. so gut als gar keiner."
Forster erscheint damit als Vorläufer zu Joseph Ratzinger aka Papst Benedikt XVI. der in einer Vorlesung in der Regensburger Universität am 12. September 2006 zu einem Dialog der Kulturen aufrief. Gleichzeitig bestand Ratzinger darauf, dass nur eine Vernunft mit religösem Glauben richtig sei. Nicht vernunftgemäß handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.
Forster fällt zurecht auf, dass die Vertreter aller Denkrichtungen die Vernunft für sich reklamieren:
"Dieselbe Vernunft, der im Spinoza der persönlich vernünftige so Gott ein Widerspruch dünkt, der also Atheismus zu seyn scheint, dieselbe Vernunft entscheidet im Theisten, daß Spinozismus, Fatalismus, Determinismus alle ebenfalls auf Atheismus hinauslaufen. Wenn man die Resultate zusammennimmt, so ergiebt sich gleich auf den ersten Blick, daß die Vernunft viel leichter bestimmen könne, was Gott nicht ist, als was und wie er ist."
Im Verlauf seiner Ausführungen kritisiert Forster einen nur vernünftigen Theismus. Er bleibt in seinen Denkmodalitäten gefangen; siehe Kritk an Herder weiter oben.
Wenn dem Materialisten (den setzt Forster anscheinend mit dem Atheisten gleich) sein Gefühl der eigenen Schwäche kein Bedürfnis nach Glauben weckt, so muß er konsequenterweise Atheist bleiben. Zum Schluß verteidigt er die Atheisten gegen (offensichtlich früher) erhobene Vorwürfe: sie würden nicht mal am Berge Sinai (an dem Gott erschienen sein soll) zu Gläubigen. Forster meint, wer seinen Sinneskräften vertraue und nur ihnen (und deshalb Atheist sei), der würde gerade durch die sinnliche Erscheinung am Berge Sinai – wenn er eben dabei gewesen wäre – doch zum Gläubigen.
Georg Forster diskutiert die religiösen Anschauungen der "Wilden", der Perser, den Mosaischen Gott, die Platonische Gottheit und vergleicht Atheismus mit dem Glauben an Gott. Er läßt jeder Position ihre Berechtigung. Fern jedem Fundamentalismus, der beim religiösen Glauben leicht aufkommt, appelliert er zuletzt an die Toleranz: "Keiner verachte den Andern". Damals wurde der andere noch groß geschrieben Forster. Ein sehr lesenswerter Brief!
Zwei ergänzende Zitate, die Forsters Einstellung zeigen
"Es giebt nur eine Moral und es kann so viele Religionen geben, als verschiedene Arten oder Modi des gefühls sind." – Brief an Friedrich Heinrich Jacobi, Mainz, 20. Februar 1789
"Die Herren Jesuitenjäger mögen wohl endlich einsehen, daß die sich ihre Jagd zu eifrig angelegen seyn ließen, und darüber Jesuiten zu finden glaubten, wo keine waren. Das Verdinest, Aufmerksamkeit auf Schwärmereine und Mißtrauen darwider erregt zu haben, bleibt immer; peccatur extra Iliacos muros et intra, mag es übrigens heißen. In Extremen geht einmal alles in der Welt, ob es gleich viel besser auf ebenem Wege und in gleichförmiger sanfter Bewegung fortrücken würde." – Brief an Christian Gottlob Heyne, Mainz, 4. April 1789
Das lese ich als klare Absage an alle McCarthys, Sektenbeauftragte und blinde Politiker; an jegliche Verfolgung Andersdenkender, seien es Jesuiten, Kommunisten oder Scientologen; an prophylaktische Lauschangriffe und PC-Schnüffeleien.
"Iliacos intra muros peccatur et extra", geht auf Forster Horaz zurück.
Christian Gottlob Heyne, 1729 – 1812
Altphilologe; ab 1763 Professor der Beredsamkeit in Göttingen; zugleich erster Universitätsbibliothekar; Sekretär der Akademie der Wissenschaften, Redakteur; Schwiegervater Forsters.
Links
forster Brief von Georg Forster an Friedrich Heinrich Jacobi, 16. Januar 1789
forster Alois Prinz: Das Paradies ist nirgendwo. Die Lebensgeschichte des Georg Forster
Rede von Joseph Ratzinger aka Papst Benedikt XVI. am 12. September 2006 in Regensburg
papstAnsprache von Papst Benedikt XVI. Aula Magna der Universität Regensburg, 12. September 2006
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 5.2.2007