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Georg Büchner: Über den Selbstmord
Rezension eines Aufsatzes, aus dem Jahre 1830 – Büchner LinksBüchner Literatur
Ohne gleich im Anfange ein entscheidendes Urteil über den Wert und den Inhalt vorliegender Arbeit fällen zu wollen, werde ich mich anfangs darauf einschränken einige von den in dieser Arbeit ausgesprochnen Gedanken und Meinungen in der von dem Verfasser befolgten Reihenfolge zu beleuchten und sie entweder zu verteidigen oder zu widerlegen versuchen. Diesen, vielleicht etwas sonderbar scheinenden, Weg einzuschlagen zwingt mich die eigentümliche Beschaffenheit des Themas selbst, bei welchem von einem allgemein durchgreifenden Grundsatz die Rede nicht sein kann, sondern nur von einer sachgemäßen Zusammenstellung einzelner Gedanken und Ansichten.
    Dieser Verfahrungsart gemäß möchte ich behaupten, daß der gleich im Anfang (pag. 1) ausgesprochne Grundsatz, daß von einem durchgängig anwendbaren Urteil die Rede nicht sein könne, so richtig er auch an und für sich selbst ist, uns zuerst am Schlusse, als ein Hauptresultat dieser Arbeit hätte entgegenkommen dürfen.
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Georg Büchner
   Im Weitergehen bemerkte ich daß der Verfasser bei Anführung der Behauptung, der Selbstmörder handle unklug (pag. 3), den so oft angeführten Grund, weil derselbe einen sichren Zustand mit einem unsichren vertausche, ganz überging, ich werde deshalb hier einige Worte hierüber anführen. Es kommt mir immer sonderbar vor, wenn man dem Selbstmörder aus dem schon angeführten Grunde den Vorwurf der Unklugheit machen will. Es liegt ganz in der Natur des Menschen, daß er einen ihm unerträglich gewordnen Zustand mit einem andern, wenn auch noch so unsichern zu vertauschen sucht, es ereignet sich dies täglich, und niemand nimmt einen Anstoß daran. Wer will nun den, welchem sein irdischer Zustand unerträglich geworden ist, unklug nennen, weil er eine hoffnungslose Sicherheit aufopfert um zu einem Zustand, von dem er noch hoffen darf und der auf keinen Fall schlechter sein kann als der verlassne zu gelangen? Es wäre ja eher Unklugheit in einer rettungslosen Lage zu verharren, wenn man noch ein, wenn auch unsichres, Mittel übrig hat sich zu retten. Ich behaupte also, daß man in dieser Hinsicht keineswegs den Selbstmörder unklug nennen könne.
    Bei der (pag. 6) aufgestellten sehr richtigen Behauptung, daß der Selbstmord gegen unsre Bestimmung handle, erlaube man mir eine kleine auf den (pag. 2) angeführten Einwurf, daß der Selbstmord unnatürlich sei, weil er einen natürlichen Trieb unterdrücke, bezügliche Bemerkung. Ich möchte nämlich eigentlich behaupten, der Selbstmord handle gegen unsre Natur, denn in ihr liegt unsre Bestimmung. Man könnte also in dieser Hinsicht den Selbstmord eine der Natur widerstrebende oder unnatürliche Handlung nennen, jedoch in einem von dem schon angeführten, sehr schwachen Einwurf ganz verschiedenem Sinne.
    Die Behauptung der Selbstmord sei in allen Fällen irreligiös klingt gar eigen. Das irreligiös bedeutet in unserm Sinn so viel als unchristlich. Dieses unchristlich wird aber als Einwurf gegen den Selbstmord oft gar sehr gemißbraucht, indem man gewöhnlich damit angezogen kommt, wenn man keinen andern mehr machen kann, wie bei Kato [1] und Lukretia [2]. Ich will mich um dies zu beweisen an vorliegendes Beispiel halten. Kato ist vom wahren Standpunkte aus betrachtet in jeder Hinsicht zu rechtfertigen; dies gibt man zu, kommt aber mit dem schalen Anhängsel hinten nach, subjektiv ist dies wohl wahr, objektiv aber unrichtig. Dieses subjektive ist aber das einzig richtige, widerspricht diesem das objektive, so ist dasselbe falsch. Nun ist, wie schon gesagt, Kato nach allen Gesetzen menschlicher Einsicht zu rechtfertigen; widerspricht diesem alsdann wirklich das Christentum, so müssen die Lehren desselben in dieser Hinsicht unrichtig sein, denn unsre Religion kann uns nie verbieten irgend eine Wahrheit, Größe, Güte und Schönheit anzuerkennen und zu verehren außer ihr und uns nie erlauben eine anerkannt sittliche Handlung zu mißbilligen, weil sie mit einer ihrer Lehren nicht übereinstimmt. Was sittlich ist, muß von jedem Standpunkte, von jeder Lehre aus betrachtet sittlich bleiben. Ob man aber wirklich beweisen könne, daß ein Selbstmord wie der des Kato dem Christentum widerstrebe, ist eine andre Frage. Denn es wäre doch sonderbar, ja es wäre unmöglich, daß eine Religion, welche ganz auf das Prinzip der Sittlichkeit gegründet ist, einer sittlichen Handlung widerstreben sollte. Es trifft also dieser Vorwurf keineswegs das Christentum selbst, sondern nur diejenigen, welche den Sinn desselben falsch auffassen.
    Mit dem pag. 10 ausgesprochnen Gedanken kann ich nicht recht übereinstimmen; denn ich glaube, daß der echte Sensualist nie in den beschriebnen Zustand geraten wird. Über Roland (pag. 11) ist zu hart geurteilt, ihn brachte nicht die Furcht vor dem Blutgerüst zu dem Entschluß sich selbst zu ermorden, sondern der Schmerz, welcher ihn bei der Nachricht von der Hinrichtung seiner Gattin übermannte. Oberhaupt weiß ich nicht, was die letzte Phrase hier bedeuten soll, denn wer sich selbst ermordet wagt es doch wahrlich dem Tod in das Auge zu sehen.
    Nicht mit Unrecht hat der Verfasser bei seinem Urteile über die Tat des Kato (pag. 15) Osiandern [3] erwähnt. Aber wahrlich die Vergleichung mit dem Schwan und den Krähen ist noch zu erhaben für einen solchen Menschen, welcher den Kato einen Monolog halten läßt, worin derselbe ungefähr sagt, daß Caesar doch bös mit ihm umgehen würde, es sei also geratner sich bei Zeit auf dem kürzesten Wege davon zu machen, zumal da die Narren der Nachwelt wahrscheinlich ein großes Mirakel aus dieser Tat machen würden. Es fehlt nur wenig, daß der Herr Professor in seinem heiligen Eifer über die blinden Heiden eine Sektion des Kato vornähme und bewiese, daß derselbe einige Lot Gehirn zu wenig gehabt hätte. Wahrhaftig, wenn ich ein solches Buch in die Hände bekomme, möchte ich mit Goethe über unser tintenklecksendes Saeculum ausrufen: Römerpatriotismus! Davor bewahre uns der Himmel, wie vor einer Riesengestalt. Wir würden keinen Stuhl finden darauf zu sitzen und kein Bett drinnen zu liegen.
    In der wahrhaft vortrefflichen Stelle, wo von dem letzten und erhabensten Motiv zum Selbstmord gesprochen wird (pag. 16) fand ich einen Ausdruck, dessen Erläuterung zwar nicht hierher zu gehören scheint, der aber doch bei näherer Beachtung einigen Bezug auf dieses Thema hat. Die Erde wird nämlich hier ein Prüfungsland genannt; dieser Gedanke war mir immer sehr anstößig, denn ihm gemäß wird das Leben nur als Mittel betrachtet, ich glaube aber, daß das Leben selbst Zweck sei, denn: Entwicklung ist der Zweck des Lebens, das Leben selbst ist Entwicklung, also ist das Leben selbst Zweck. Von diesem Gesichtspunkte aus kann man auch den einzigen fast allgemein gültigen Vorwurf dem Selbstmord machen, weil derselbe unserm Zwecke und somit der Natur widerspricht, indem er die von der Natur uns gegebene, unserm Zweck angemessne Form des Lebens vor der Zeit zerstört.
    Bei der aus Goethes Faust entnommenen Stelle vermißte ich die Worte des verschwindenden Erdgeistes: Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir, sie sind es, welche Faust von seiner Höhe in den Abgrund der Verzweiflung hinabstürzen.
    Ich kann nicht umhin den am Schluß ausgesprochnen Gedanken über den Selbstmord aus Patriotismus oder aus physischen und psychischen Leiden einige Worte hinzuzufügen, ob ich gleich wohl sehe, daß dies eigentlich in die Form einer Rezension nicht paßt. Die Behauptung, daß der, welcher dem Vorteile seines Vaterlandes das Leben aufopfert, kein eigentlicher Selbstmörder sei, ist klar und bestimmt ausgesprochen und deutlich bewiesen, das Übrige jedoch ist etwas dunkler ohne bestimmtes Resultat. Ich will also das, was ich für das eigentliche Resultat halte hierzu fügen. Der Selbstmörder aus physischen und psychischen Leiden ist kein Selbstmörder, er ist nur ein an Krankheit Gestorbner.
    Ich verstehe nämlich darunter einen solchen, welcher durch geistiges oder körperliches unheilbares Leiden allmählich in jene Seelenstimmung verfällt, die man mit dem Namen der Melancholie bezeichnet, und so zum Selbstmord getrieben wird, keineswegs aber den, welcher um einem Leiden zu entgehen sich bei freiem Sinn und Verstand selbst tötet. Der erstere ist krank, der andre schwach. Der erstere ist an seiner Krankheit gestorben, denn ob dieses Leiden ihm allmählich das Leben raubt oder ihn durch den störenden Einfluß auf sein Gemüt zum Selbstmord bringt, ist gleichgültig. Die Form ist nur verschieden, die Wirkung ist die nämliche, sie ist der Tod, seine Ursache lag in einer Krankheit, die eine Neigung zum Selbstmorde zur Folge hatte, was ich aus Beispielen zur Genüge beweisen könnte. So wenig man nun von einem an der Auszehrung Gestorbnen sagen kann: der Narr oder der Sünder, warum ist er gestorben? ebenso wenig darf man einem Selbstmörder aus dieser Ursache wegen seiner Tat einen Vorwurf machen wollen, er ist, wie schon gesagt, nicht als Selbstmörder zu betrachten.
    Dasselbe läßt sich nun, und zwar in noch viel höherem Grade, auf den anwenden, welcher sich aus psychischen Leiden den Tod gibt. Psychische Leiden sind, so wie physische Krankheit des Körpers, Krankheit des Geistes, letztere kann, wenn sie einmal feste Wurzeln geschlagen hat, noch viel weniger gehoben werden, als erstere. Wen also eine solche geistige Krankheit zum Tode treibt, der ist eben so wenig ein Selbstmörder, er ist nur ein an geistiger Krankheit Gestorbner. Das geistige Leiden selbst vermag den Körper nicht unmittelbar zu töten, es tut dies also mittelbar; dies ist der ganze Unterschied zwischen dem, welcher am hitzigen Fieber oder in einem Anfall von Wahnsinn stirbt.
    Fasse ich hier nun ein allgemeines und bestimmtes Urteil über die ganze Arbeit zusammen.
    Die Frage ist trotz der schwierigen Aufgabe zur Genüge gelöst.
    Der Verfasser umfaßt in seiner Arbeit bis auf weniges alle Einwürfe und alle Motive, dargestellt in einer bestimmten und sachgemäßen Ordnung; ohne es jedoch bei einer bloßen Zusammenstellung bewenden zu lassen, gibt er uns über jeden Gegenstand eine Menge schätzenswerter, vorurteilsfreier Gedanken, die, wenn sie auch nicht alle gleich richtig sind, doch zeigen, daß der Verfasser sich fern gehalten von aller Einseitigkeit, daß er Alles nicht von einem fremden, sondern von einem eignen selbstständigen Standpunkte aus betrachtet und beurteilt und durch eignes Nachdenken schon einen tiefem Blick in die In- und Außenwelt des Menschen getan habe. Noch anziehender werden diese Gedanken durch eine klare, schöne und kräftige Sprache. Überdies wird das Ganze durch ein schönes und edles Gefühl wie durch einen warmen Frühlingshauch belebt und erwärmt, es erhebt uns über den gewöhnlichen Standpunkt durch eine reine, glühende Begeisterung für das Edle und Große, es gibt uns, nicht in abgedroschnen Redensarten von Bruderliebe u. dgl. m., den Begriff echter und wahrer Menschenliebe, indem es uns überall, dem schönen Gedanken gemäß, daß der Selbstmörder nur Verirrter nicht Verbrecher sei, die Gebrechen und Mängel des armen Sterblichen in der mildesten Form sehen läßt.
    Einen würdigen Schluß zu der ganzen Arbeit bildet überdies der letzte erhabne Gedanke: er ist es, welcher dem Menschen allein im Schlamme des Lebens die wahre Würde bewahren kann.
[1] Marcus Porcius Cato der Jüngere (95-46)
[2] Lucretia (vor 500 v. Chr.)
[3] Friedrich Benjamin Osiander (1759-1822)
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