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Wahrheit
"Was ist Wahrheit?"- Überblick zu aktuellen Wahrheitstheorien
veröffentlicht in wahrheitAufklärung und Kritik 1 (2002). 96–103
  1. Einführung in die Problematik
  2. Fragestellungen
  3. Substanzielle Wahrheitstheorien
  4. Deflationistische Theorien
  5. Widerlegung
Literatur
1. Einführung in die Problematik
Der Begriff der Wahrheit spielt in der philosophischen Diskussion eine zentrale Rolle. Gottlob Frege nannte als Ziel aller Wissenschaft die Wahrheit (30). Doch auch im Alltag ist Wahrheit wichtig, sei es vor Gericht, im Geschäftsverkehr oder im partnerschaftlichen Umgang. Wer will nicht logisch korrekt argumentieren und damit von wahren Voraussetzungen zu wahren Schlußfolgerungen kommen? Und wer will nicht als zuverlässiger und wahrhaftiger Mensch gelten? So könnte man meinen, der Wahrheitsbegriff sei im Laufe der Jahrhunderte schon längst geklärt worden. Weit gefehlt, die Diskussion darüber ebbt nicht ab.
Hier wird ein Überblick zu den heute aktuellen Wahrheitstheorien gegeben; kein historischer Abriß, sondern ein grober Gegenwartsquerschnitt. Zu den einzelnen Theorien nenne ich markante Vertreter in eckigen Klammern. Diese Denker haben ihre Haltung im Laufe ihres Lebens manchmal geändert; eine Einordnung wird ihnen nicht immer gerecht, ist nur pauschal und keinesfalls vollständig. Manche Philosophen habe ich deshalb auch an mehreren Stellen aufgeführt.
Zur Vertiefung sind im Literaturverzeichnis die verfügbaren, empfehlenswerten Werke aufgeführt. Obwohl dies kein historischer Traktat über die Wahrheit ist, muß er mit Aristoteles beginnen. "Eine falsche Aussage ist die Aussage, daß das was ist nicht sei, oder daß das was nicht ist sei; eine wahre Aussage dagegen ist die Aussage, daß das was ist sei, und daß das was nicht ist nicht sei." (Metaphysik 1011b, 81)
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2. Fragestellungen
Es sind zwei Argumentationslager auszumachen.
a) Robuste oder substanzielle Wahrheitstheorien: Wahrheit ist ein zentraler Begriff für Logik, Ontologie, Erkenntnistheorie und Semantik, ja für die gesamten Wissenschaften.
b) Deflationistische Wahrheitstheorien: Wahrheit ist ein nebensächlicher Begriff, es gibt kein philosophisches Problem der Wahrheit, es gibt nur das Problem zu zeigen, daß es kein Problem gibt.
Eine andere Einteilung der Wahrheitsdiskussion ergibt sich zur Frage der Definierbarkeit.
a) Wahrheit ist so fundamental, sie läßt sich nicht definieren. [Gottlob Frege, Donald Davidson]
b) Wahrheit ist sehr wohl definierbar, d.h. auf andere Begriffe rückführbar. [Alfred Tarski]
Nochmals anders kann man zwischen realistischen und nicht-realistischen Theorien der Wahrheit unterscheiden. Der Wahrheitsrealist verteidigt die Ansicht, daß es, wenn ein Satz (oder eine Proposition, oder eine Äußerung, usw., siehe unten) wahr ist, einen bestimmten Sachverhalt unabhängig von jedem Bewußtsein gibt, der mit diesem Satz in einer bestimmten Beziehung steht. Nicht-realistische Theorien der Wahrheit bestreiten dies. [C.S.Peirce, William James] Die Kategorien der Einteilungen sind kombinierbar und werden - wie sollte es auch anders sein - in allen Schattierungen vertreten und verteidigt. Untersuchen wir deshalb die Fragen, auf die eine Theorie der Wahrheit antworten soll.
Die Wahrheitsdiskussion stellt Fragen aus unterschiedlichen Blickwinkeln.
a) Was verstehen wir unter "Wahrheit"?
b) Was ist "wahr"?
Hier geht es um begriffliche und definitorische Antworten.
a) Was ist wahr?
b) Wie kann Wahrheit festgestellt werden?
c) Von was kann gesagt werden, es sei wahr?
Hier geht es um metaphysische, semantische und erkenntnistheoretische Belange und um Rechtfertigung.
Gerade auf die letzte Frage, die nach dem Wahrheitsträger, gibt es vielerlei Antworten. Dafür in Frage kommen beispielsweise Urteile, Behauptungen, Theorien, Denkakte, Äußerungen, Sätze, Satztypen, Satzinhalte, Sprechakte. Greifen wir drei wichtige mögliche Wahrheitsträger heraus.
a) Satz, wie z.B. "Schnee ist weiß". Nachteil: die Wahrheit des englischen Satzes "Snow is white" ist wohl eng mit dem deutschen Satz verknüpft, wird aber, wenn der Satz als Wahrheitsträger angenommen wird, getrennt behandelt.
b) Proposition, als Satzinhalt oder Bedeutung eines Satzes. Dem Vorteil der Sprachunabhängigkeit steht gegenüber, daß ein Verfahren angegeben werden muß, wie man von einem Satz zu seinem Inhalt kommt.
c) Äußerung, wie "Du schuldest mir 10 Euro". Die Wahrheit hängt hier oft davon ab, wer den Satz ausspricht, an wen er gerichtet ist und wann er gesagt wird.
Um die Diskussion zu vereinfachen und ohne es weiter zu begründen, beschränke ich mich auf Behauptungssätze, von mir auch Aussagen genannt.
Beispiele: Schnee ist weiß.
Der Morgenstern ist der Abendstern.
Die Einwohnerzahl des Deutschen Reiches am 1. Januar 1897 mittags MEZ beträgt 52 000 000.
Der gegenwärtige König von Frankreich ist kahlköpfig.
Ich klammere die Verwendung von Ausdrücken wie "ein wahrer Freund" oder von Sätzen der Dichtung wie "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt" aus. Ich sorge mich auch nicht so sehr darum, in welcher Sprache der Satz abgefaßt ist und ob er tatsächlich geäußert wurde. Es soll mich auch nicht bekümmern, ob die Wahrheit vielleicht genauer der mit dem Satz geäußerten Idee oder dem ihm zugrundeliegenden Gedanken (in der philosophischen Diskussion zumeist Proposition genannt) zukommt. Nicht, daß diese Überlegungen (welcher Einheit nun wirklich die Attribute "wahr" oder "falsch" zugesprochen werden kann) unwichtig wären, sie führen hier aber zu weit.
Ausgehend von den substanziellen Wahrheitstheorien werde ich die aktuellen Standpunkte kurz beleuchten. Daran anschließend werde ich die deflationistischen Standpunkte aufzeigen.
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3. Substanzielle Wahrheitstheorien
3.1 Korrespondenztheorie
Intention: Wahrheit als Übereinstimmung mit der Realität. Wie läßt sich diese Übereinstimmung (Korrespondenz) explizieren?
Zurück zur Definition des Aristoteles. Sie gilt als erste Fassung der Korrespondenztheorie der Wahrheit. Die Korrespondenztheorien gehen davon aus, daß Wahrheit eine Sprache-Welt-Beziehung ist. Ein Satz ist wahr, wenn die von ihm aufgestellte Behauptung mit einer Situation in der Welt (auch: Sachverhalt, Tatsache) übereinstimmt. Eine präzise Formulierung der Wahrheitsbedingung eines Satzes lieferte Alfred Tarski ("Die semantische Konzeption der Wahrheit und die Grundlagen der Semantik").
"P" ist wahr genau dann, wenn P.
"P" steht für den Namen eines Satzes, bezeichnet also nicht etwa den 16.Buchstaben des Alphabets.
Beispiel: [Der Satz] "Schnee ist weiß" ist wahr genau dann, wenn Schnee weiß ist.
Wie man erkennt, ist dies keine Definition der Wahrheit sondern gibt das Kriterium an, anhand dessen festgestellt werden kann, wann das Zusprechen von Wahrheit korrekt ist. Tarski verallgemeinert diese Äquivalenz zum berühmten Tarski-Schema. Der Name des Satzes sei X, die Satzaussage selbst wird für die Variable "p" eingesetzt und muß eine Aussage der Sprache sein, auf die sich das Wort wahr bezieht.
(T) X ist wahr genau dann, wenn p.
Beispiel für S1: "Snow is white" ergibt ins Tarski-Schema eingesetzt:
S1 ist wahr genau dann, wenn Schnee weiß ist.
Das Problem der Korrespondenztheorie ist, wie festgestellt wird, daß das Kriterium tatsächlich erfüllt ist. Bei einfachen Sachverhalten ("Dieses Haus hat vier Fenster") kann man nachschauen und zählen. Doch bei All-Aussagen ("Schnee ist weiß" ist eine verkappte All-Aussage) oder bei Tatsachen, die sich auf die Vergangenheit beziehen, ("Immanuel Kant wurde 1724 in Königsberg geboren") ist diese einfache Verifikation unmöglich. Der Nachteil der Korrespondenztheorie ist, daß sie sich auf etwas außerhalb der Sprache Liegendes bezieht. Dies versucht die Kohärenztheorie zu vermeiden. [Bertrand Russell, Alfred Tarski, Ludwig Wittgenstein]

3.2 Kohärenztheorie
Intention: Wahrheit als Kohärenz mit einem Aussagensystem. Was ist Kohärenz?
Schon bei der Korrespondenztheorie mußten die zu überprüfenden Aussagen anhand von Beobachtungsaussagen als wahr bestimmt oder als falsch verworfen werden. Die Kohärenztheorie der Wahrheit vergleicht nur noch Aussagen untereinander. Sie nimmt daher - in Absetzung zur Korrespondenztheorie - nicht auf etwas Bezug, das außerhalb des Denkens liegt. Ein Satz ist wahr, wenn er sich widerspruchsfrei in das Netz der bestehenden wahren Aussagen einordnen läßt. Formaler: Ein Satz p ist wahr genau dann, wenn p ein Element einer kohärenten Aussagenmenge A ist. Eine Aussagenmenge A ist kohärent, wenn jedes Element der Menge konsistent mit jeder Teilmenge ist und jedes Element p aus allen anderen (als Prämissen genommen) ableitbar ist. Die Aussagen von A stehen in einer inferentiellen Abhängigkeit zueinander; es gibt keine inferentiell unabhängige Aussage in A.
Das ergibt die Schwäche der Kohärenztheorie: ihr fehlt jeglicher Realitätsbezug. Es kann durchaus mehrere verschiedene, kohärente Systeme von Aussagen geben. Ein Satz S2 kann in einem System wahr, im anderen falsch sein. Ein weiterer Einwand gegen die Kohärenztheorie ist, daß Kohärenz die Gesetze der Logik voraussetzt ( widerspruchsfrei, ableitbar). Die Wahrheit ist wiederum für die Logik bereits grundlegend, wird also schon vorausgesetzt. Das ist nicht gerade ein Ergebnis, das man von einer Wahrheitstheorie erwartet. [Nicholas Rescher]

 3.3 Identitätstheorie
Nach der Identitätstheorie besteht die Wahrheit einer Aussage in ihrer Identität mit einer Tatsache. Die Identitätstheorie ist eine verschärfte Korrespondenztheorie und setzt wie diese den Begriff der Tatsache voraus. [Georg W. F. Hegel, Gottlob Frege, George Edward Moore, John McDowell]

 3.4 Pragmatische Theorie
Intention: Wahrheit mit Nützlichkeit identifizieren. Was bedeutet Nützlichkeit in diesem Zusammenhang?
Die Pragmatiker gehen noch einen Schritt weiter. Für sie sind Sätze wahr, wenn sie nützlich sind. Ein Satz ist genau dann wahr, wenn unser Verhalten, basierend auf der Satzaussage, nützliche Ergebnisse bringt. Die von den Korrespondenztheoretikern zugrunde gelegte Sprache-Welt-Beziehung ist nicht statisch, sondern dynamisch. Wahrheit ist etwas, was sich in der Praxis bewähren muß. Eine Beurteilung dieser Richtung von Wahrheitstheorien wird erschwert, da es zahlreiche unterschiedliche Positionen gibt. William James vertritt einen Instrumentalismus. Für ihn sind wahre Aussagen wertvolle Handlungsinstrumente. Die Vertreter dieser Richtung -William James, John Dewey - werden daher auch Instrumentalisten genannt. Charles S. Peirce änderte die Bezeichnung seiner Theorie, um sich bewußt von William James abzugrenzen von "pragmatism" in "pragmaticism". Zusätzlich erschwerend sind die Positionen der Hauptvertreter in sich selbst nicht konsistent.
Mit der pragmatischen Theorie zeigt sich ein Analogon zur Wissenschaftstheorie: eine Theorie gilt, solange sie uns nützt und solange sie nicht widerlegt ist. Was funktioniert gilt (vorläufig) als wahr. [Charles S. Peirce, William James, John Dewey]

 3.5 Konsenstheorie
Intention: Wahrheit als Übereinstimmung mit kompetenten Sprechern der Sprachgemeinschaft. Was sind kompetente Sprecher?
Die Konsenstheorie der Wahrheit besagt, eine Aussage ist wahr, wenn jeder der Sprache mächtige Sprecher dieser Aussage zustimmt. Die Verifíkation einer Aussage nach der Konsenstheorie hängt also von allen Mitgliedern einer Sprachgemeinschaft ab. Voraussetzung ist, daß jedes Mitglied sprach- und sachkundig und gutwillig ist. Auch hier gibt es eine Analogie zur Wissenschaftstheorie. Die Forschergemeinschaft ist sich darüber einig, welche Theorien gerade gültig sind. [C.S. Peirce]
Sowohl die pragmatische Theorie als auch die Konsenstheorie haben eine Harmonisierung der Einzelinteressen zur Voraussetzung.
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4. Deflationistische Theorien
4.1 Redundanztheorie
Intention: Die Vertreter der Redundanztheorie der Wahrheit behaupten kurzerhand, das Wahrheitsprädikat sei überflüssig. Die Wahrheitsausdrücke, wie "ist wahr", "es ist wahr, daß ..." sind in allen Aussagen eliminierbar ohne den Inhalt der Aussagen zu verändern.
Als frühe Vertreter der Redundanztheorie gelten Gottlob Frege und F. P. Ramsey. Für Ramsey gibt es kein selbständiges Problem der Wahrheit, sondern nur eine Sprachverwirrung. Die Redundanzvertreter sagen, die Sprache täuscht uns. Sie verstärken das Äquivalenzschema:
Es ist wahr, daß p <=> p
und schreiben ihm Synonymie zu.
Beispiel: Es ist wahr, daß Schnee weiß ist, ist synonym zu: Schnee ist weiß. Der Zusatz "ist wahr" fügt dem Satz nichts Neues hinzu. Problematischer erscheinen freilich die Fälle, wo der Satz nicht explizit angegeben wird. Beispiel: "Er hat immer recht". Doch kann das als Implikation aufgefaßt werden nach dem Schema: Für alle p gilt, wenn er p behauptet, ist p wahr. Der Ausdruck " ist p wahr" entspricht wieder p. Formal: für alle p (Er behauptet p —> p).
Die Wahrheit wird bereits mit der behauptenden Kraft des Satzes ausgesagt. Es gibt keine Eigenschaft "wahr" und sie ist auch nicht nötig. Die klassischen Wahrheitstheorien, wie z.B. die Korrespondenztheorie sind nicht falsch, sondern schlimmer, sie versuchen etwas zu definieren, das es nicht gibt.
Die Redundanztheorie ist für einfache Sachverhalte überzeugend, muß sich aber bei indirekten Bezügen etwas einfallen lassen. Die oben aufgeführte Implikation ist nicht immer leicht formulierbar. Die Prädikate "wahr" in den Sätzen "Einsteins Theorie ist wahr" oder "Alles, was der Prediger sagte, ist wahr" sind nicht redundant.

4.2 Disquotationstheorie
Die Disquotationstheorie (eine gute Erläuterung der Disquotationstheorie findet sich bei Gupta 59-63) wurde zuerst von W.V. Quine in Philosophy of Logic (10-13) skizziert. Wahrheit hängt mit der Realität zusammen. Kein Satz ist für sich wahr, es sei denn, die Realität macht ihn wahr. Eine Wahrheitstheorie sollte daher die Bedeutung von Sätzen und die Realität zusammenbringen. Doch bei Generalisierungen ist sie gezwungen, sich mit der linguistischen Einheit Satz zu beschäftigen. Während man einfache Sätze, wie "Sokrates ist sterblich" und "Maria Callas ist sterblich" mit "Alle Menschen sind sterblich" verallgemeinern kann, gelingt das mit komplexen Sätzen nicht. Hier muß in einer Art semantischer Aufstieg (semantic ascent; Quine) über die Sätze selbst gesprochen werden.
Beispiel: "Jeder Satz der Form »p oder nicht p« ist wahr". Hier ist p eine Variable für jeden beliebigen Behauptungssatz. Quine meint dazu, das Wahrheitsprädikat hebt die linguistische Referenz auf und es erinnert, daß man, trotz semantischen Aufstiegs, die Realität im Auge hat (12).
Beispiel an Hand von Tarskis Schema:
"Schnee ist weiß" ist wahr genau dann, wenn Schnee weiß ist. Das Wahrheitsprädikat ist hier ein Mittel zur Disquotation. Um zu verallgemeinern oder um eine hohe oder gar nicht-endliche Anzahl von Sätzen zu bestätigen, verwenden wir den semantischen Aufstieg und sprechen über Sätze. Um den Bezug zur Realität wiederherzustellen benötigen wir das Wahrheitsprädikat.

4.3 Minimaltheorie
Intention: Wahrheit hat keine verborgene Struktur, die es uns erlauben würde, wichtige philosophische Fragen zu klären. Das Wahrheitsprädikat wird lediglich in manchen Zusammenhängen als Satzergänzung benötigt. Es erlaubt dann eine korrekte Satzformulierung.
Die Minimaltheorie Paul Horwichs wurde in den letzten zehn Jahren heiß diskutiert. Sie sagt, daß sich die Eigenschaft "wahr" jeglicher begrifflicher und wissenschaftlicher Analyse entzieht. Es ist nicht verwunderlich, daß alle philosophische Analyse bis jetzt kein verborgenes Fundament entdecken konnte: dies gibt es. Wenn man aus einem oder mehreren Sätzen Nominalausdrücke macht, dient "ist wahr" einzig dazu, daraus wieder ganze Sätze zu machen.
Beispiel 1
S3: Nietzsche ist tot.
Nominalausdruck: Die Aussage, daß Nietzsche tot ist.
Satzbildung: Die Aussage, daß Nietzsche tot ist, ist wahr.
Beispiel 2
Sätze: Et1, Et2, Et3, ... Etn
Nominalausdruck: Einsteins Theorie
Satzbildung: Einsteins Theorie ist wahr.
Horwich geht davon aus, daß man die Aneinanderreihung MT anerkennen muß.
(MT) Die Aussage, daß Quarks existieren, ist genau dann wahr, wenn Quarks existieren,
die Aussage, daß Lügen schlecht ist, ist genau dann wahr, wenn Lügen schlecht ist, ...
Die ganze Minimaltheorie besteht nur aus dem aus MT gebildeten Äquivalenzschema
(E) p ist wahr genau dann, wenn p
Alle "unkontroversen" Einsetzungen werden mit "und" aneinandergereiht und ergeben MT (siehe oben). Das ist alles, was man über "wahr" wissen muß.
So verblüffend einfach sie erscheint, so hat Horwichs Minimaltheorie doch erhebliche Mängel. Eine Schwierigkeit ergibt sich aus der notwendigerweise unendlichen Folge von wahren Sätzen. Man kann nie alle Einsetzungen ins Schema E kennen. Bestimmte Sätze, wie z.B. das Lügnerparadoxon, kann sie nicht lösen und Horwich klammert sie selbst aus (40-43). [Paul Horwich]

4.4 Performative Theorie
Intention: Das Wahrheitsprädikat ist kein eigenständiges Prädikat sondern ein performativer Operator, mit dem wir so etwas wie Zustimmung ausdrücken.
Mit der Zuschreibung von Wahrheit signalisieren wir Zustimmung zu einer Aussage. Mit dem Satz "Die Aussage »Das Wetter ist scheußlich« ist wahr" sagen wir nicht mehr, als mit dem Satz "Das Wetter ist scheußlich". Vielmehr signalisieren wir Zustimmung zu diesem Satz. Die Wahrheitszuschreibung ist ein performativer Akt. [Peter Strawson]

4.5 Prosententiale Theorie
Intention: Ausdrücke wie "es ist wahr" und "das ist war" stehen für ganze Sätze. In bestimmten Fällen kann das "ist wahr" eliminiert werden.
Nach einer Idee von Franz Brentano arbeiteten Dorothy L. Grover, Joseph L. Camp Jr. und Nuel D. Belnap Jr. ihre prosententiale Wahrheitstheorie aus.
Sie meinen, daß die Ausdrücke "es ist wahr" und "das ist wahr" trotz ihrer Subjekt-Prädikat-Struktur für Sätze stehen ("pro sentences"). Im Satz "Maria liebt Hunde, aber sie mißtraut Katzen" steht das "sie" für "Maria" (Pronomen). Man spart sich die Wiederholung des Namens. Franz Kafkas Erzählung "Auf der Galerie" beginnt mit "Wenn irgendeine ... [dreizehnzeiliger Satz] ... Orchesters. Da es aber nicht so ist; ..." Das "so" im zweiten Satz der Erzählung spart dem Autor die Wiederholung des ersten, dreizehnzeiligen Satzes. Es steht für einen ganzen Satz. Ähnlich ist es bei "es ist wahr" und "das ist wahr". Das "es" und "das" hat hier keine eigenständige Bedeutung, das "ist wahr" ist kein eigenständiges Prädikat. In diesen Kontexten ist es verzichtbar. Da das Prädikat "ist wahr" aber nicht immer eliminiert werden kann, ist die prosententiale Theorie keine Redundanztheorie. Sie wird jedoch zurecht als deflationistische Theorie eingereiht, da für sie "ist wahr" kein eigenständiges Prädikat ist. Die prosententiale Theorie ist hochaktuell und ebenso kompliziert.
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5. Widerlegung
Wahrheitstheorien versucht man oft zu widerlegen, indem man zeigt, daß ihre Definitionen von Wahrheit im Definiens schon den Wahrheitsbegriff voraussetzen. Man wirft ihnen also eine zirkuläre Definition vor. Oder man sucht nach Verwendungen von "wahr", die die Theorie nicht oder nur unzureichend erklären kann. Oft taugen dazu als Prüfstein die bekannten Paradoxien. Alle Wahrheitstheorien haben mit ihnen zu kämpfen. Darunter fällt auch das Lügnerproblem. Der siebte Satz im Abschnitt "Widerlegung" in diesem Aufsatz ist falsch.
Nehmen wir an, der vorherige Satz sei wahr, so ist er laut seiner Aussage falsch. Nehmen wir aber an, er sei falsch, so kann der siebte Satz im Abschnitt "Widerlegung" in diesem Aufsatz nicht falsch sein, er ist also richtig.
Mögliche Lösungen sind: Man erlaubt Aussagen über Sätze einer Sprache nicht in derselben, sondern nur in einer Metasprache [Tarski], dann ist ein Satz wie oben genannt, sozusagen unmöglich. Man handelt sich eine Hierarchie von Sprachen ein. Oder man gesteht zu, daß die eigene Theorie mit diesen Sätzen nicht zurechtkommt und klammert sie deshalb aus [Horwich].
 
Eingangs stellten wir mit Aristoteles fest, daß nichts einfacher ist, als festzustellen, was "wahr" ist. Im Verlaufe der Diskussion machte ich deutlich, daß und warum das Thema noch umfangreich diskutiert wird, wenn auch manche glauben, die endgültige Lösung gefunden zu haben.
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Literatur
Mit * versehene Werke werden zur Vertiefung empfohlen.
Aristoteles. Metaphysik. Diederichs 1907.
Armstrong, David M.: A World of States of Affairs. Cambridge: Cambridge UP, 1997.
* Blackburn, Simon, Keith Simmons, Hg. Truth. Oxford 1999.
Frege, Gottlob. "Der Gedanke". Logische Untersuchungen. Hg. Günther Patzig. Göttingen 1993.
Wahrheit Auf diesem Webauftritt online verfügbar
Grover, D., J. Camp, N. Belnap. "A Prosentential Theory of Truth". Philosophical Studies 27 (1975): 73-125.
Gupta, Anil. "A Critique of Deflationism". Philosophical Topics 21,2 (1993): 57-81. Nachdruck in Truth. Blackburn, Simmons, Hg.
* Horwich, Paul. Truth. 2nd ed. Oxford 1998.
Kafka, Franz. Sämtliche Erzählungen. Frankfurt am Main 1970.
* Kirkham, Richard L. Theories of Truth. A Critical Introduction. Cambridge, Mass. 1997.
Quine, W. V. Philosophy of Logic. Englewood Cliffs 1970.
* Skirbekk, Gunnar, Hg. Wahrheitstheorien. Eine Auswahl aus den Diskussionen über Wahrheit im 20.Jahrhundert. Frankfurt am Main 1977.
* Soames, Scott. Understanding Truth. New York 1999.
* Tarski, Alfred. "Die semantische Konzeption der Wahrheit und die Grundlagen der Semantik". Wahrheitstheorien. Gunnar Skirbekk, Hg.: 140-188.
Wittgenstein, Ludwig: Tractatus Logico-philosophicus. Logisch- philosophische Abhandlung. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994).
Links
wahrheitAufklärung und Kritik
Wahrheit Gottlob Frege: "Der Gedanke"
Wahrheit Boris Rähme: Wahrheit, Begründbarkeit und Fallibilität: Ein Beitrag zur Diskussion epistemischer Wahrheitskonzeptionen
Wahrheit Anfang

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 29.4.2014