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Naturalistischer Fehlschluss
Naturalistischer Fehlschluss – Sein-Sollen Fehlschluss
auch unter Humesches Prinzip und Sein-Sollen Problem bekannt – hume Linkshume Literatur
Humesches Prinzip
aus nur deskriptiven Aussagen kann man keine rein normativen Aussagen ableiten.
Es gibt keinen gültigen Übergang (Schluß) vom Ist zum Soll. Oder: Keine wertende oder deontische Aussage (Soll-Aussage) kann gültig aus einer Prämissenmenge gefolgert werden, die nicht wenigstens eine wertende oder deontische Aussage enthält.
Der Philosoph David Alan Johnson legte in Truth Without Paradox 2004 eine vorgebliche dreistufige Widerlegung des Humeschen Prinzips vor. Diese prüfe ich derzeit (Mai 2011). Ergebnisse werden hier veröffentlicht.
Hume
Hume-Denkmal in Edinburgh
Andere Formulierungen:
  • Vom Sein (wie etwas ist) kann nicht aufs Sollen (wie etwas sein soll) geschlossen werden.
  • Aus Tatsachen folgt keine Norm.
  • Aus beschreibenden Aussagen folgen keine Bewertungen, Bewertungsmaßstäbe oder Ziele.
  • Die Biologie (und andere Naturwissenschaften), die Soziologie (und andere Geisteswissenschaften) beschreiben und erklären Beziehungen und Zusammenhänge. Diese Beschreibungen liefern aber keine normativen Aussagen. Das schließt nicht aus, dass sie zur Grundlage normativer Aussagen gemacht werden können. Sie sind aber ungeeignet diese normativen Aussagen auch zu begründen.
  • Die Behauptung des Sachverhalts p erlaubt weder zu folgern: "es ist geboten, daß p", noch "es ist verboten, daß p".
Im engeren Sinne kann man auch unterscheiden zwischen
  • Sein-Sollen-Fehlschluss (David Hume): geht von einem Ist-Zustand auf einen Soll-Zustand über.
  • Naturalistischer Fehlschluss (George Edward Moore): präskriptive Prädikate werden durch deskriptive Prädikate definiert oder ersetzt.
Soweit ich es sehe läuft beides auf denselben Fehler hinaus: es gibt keinen logisch gültigen Übergang zwischen Ist und Soll. Dabei ist immer vorausgesetzt, dass man rein präskriptive Aussagen oder rein deskripte Aussagen meint. Von der Aussage: "Schnee ist weiß" kann man logisch gültig zu "Schnee ist weiß oder Versprechen sind einzuhalten" übergehen.
»Das Standardargument gegen die verschiedenen Formen des Naturalismus ist seit Moore der Nachweis eines naturalistischen Fehlschlusses ..., die Definition von "sittl. (an sich) gut" durch empirische oder metaphysische Begriffe (z. B. "an sich gut" = "lebensdienlich"), was schon Hume als Sein-Sollen-Fehlschluß, eines zwar nicht bemerkten, aber unzulässigen Übergangs von deskriptiven (empirischen oder metaphysischen Seins-) zu normativen (Sollens-) Aussagen (z. B. von "x ist nützlich" zu "Du sollst x tun"), kritisierte.«
Otfried Höffe, Hg.: Lexikon der Ethik. München: Beck, 1980. Zweite, neubearbeitete Auflage. S. 163
"Wissenschaft hat keine ideologischen Implikationen. Sie sagt uns einfach, wie die Welt ist – nicht wie sie sein sollte. Wenn sich eine Rechtfertigung, ein moralisches Ureil oder sonst irgendeine dieser »sollte«-Aussagen als Schlussfolgerung aus rein wissenschaftlichen Prämissen ausgibt, kann man daher nur eines tun, nämlich die Logik der Folgerung in Frage zu stellen; die Prämissen bleiben davon unberührt. Leider sind die Menschen häufig derart entrüstet über die Schlussfolgerungen, dass sie nicht deren Fehlerhaftigkeit, sondern die wissenschaftlichen Erkenntnisse insgesamt zurückweisen."
Helena Cronin: "Die Natur des Menschen – richtig verstanden". S. 61. In: John Brockman, Hg.: Die neuen Humanisten. Wissenschaft an der Grenze. Berlin: Ullstein, 2004. [The New Humanist. Science at the Edge] Übs.: Doris Gerstner, Klaus-Dieter Schmidt, Hans-Ulrich Seebohm. S. 60-73. croninHelena CronincroninDr Helena Cronincronin Rezension
Beispiele für naturalistische Fehlschlüsse
deskriptive Prämissen normative Folgerung
Eine intakte Natur gewährleistet reichhaltige Ernten. Die Natur soll intakt gehalten werden
Der Mensch versucht Schmerzen meist zu vermeiden. Schmerzen sollen möglichst vermieden werden.
Ohne Mutter ist der menschliche Säugling hilflos. Die Mutter darf nicht vom Säugling dauerhaft getrennt werden.
Ohne Kopf stirbt der Mensch. Ein Mensch darf nicht geköpft werden.
Dagegen verstößt die folgende Argumentation nicht gegen Humes Prinzip:
Prämissen Folgerung
(1) Alle Menschen trachten nach Lust
(2) Wonach alle Menschen trachten ist gut
(3) Lust ist gut.
Es liegt kein Verstoß gegen Humes Prinzip vor, da die Prämisse (2) bereits normativ ist.  
Locus classicus
“I cannot forbear adding to these reasonings an observation which may, perhaps, be found of some importance. In every system of morality, which I have hitherto met with, I have always remark'd, that the author proceeds for some time in the ordinary way of reasoning, and establishes the being of a God, or makes observations concerning human affairs; when of a sudden I am surpriz'd to find, that instead of the usual copulations of propositions is, and is not, I meet with no proposition that is not connected with an ought, or an ought not. This change is imperceptible; but is, however, of the last consequence. For as this ought, or ought not, expresses some new relation or affirmation, 'tis necessary that it shou'd be observ'd and explain'd; and at the same time that a reason should be given, for what seems altogether inconceivable, how this new relation can be a deduction from others, which are entirely different from it. But as authors do not commonly use this precaution, I shall presume to recommend it to the readers; and am persuaded, that this small attention wou'd subvert all the vulgar systems of morality, and let us see, that the distinction of vice and virtue is not founded merely on the relations of objects, nor is perceiv'd by reason.”
Daraus die Kernaussage in deutsch: "In jedem Moralsystem, das ich bisher kennenlernte, stellte ich immer fest, dass der Autor eine Zeitlang in gewöhnlicher Weise argumentiert ... ; dann plötzlich bin ich überrascht, dass anstatt der Satzkopula ist und ist nicht ich nur noch Sätze mit soll und soll nicht vorkommen. ... Da diese soll und soll nicht eine neue Beziehung oder Zusicherung ausdrücken, ist es notwendig, dass es festgestellt und erklärt wird; und es sollte eine Begründung dafür geben ..."
David Hume: A Treatise of Human Nature, Bk III: Of Morals, Part I, sec.I
“Mean while it may not be amiss to observe from these definitions of natural and unnatural, that nothing can be more unphilosophical than those systems, which assert, that virtue is the same with what is natural, and vice with what is unnatural. For in the first sense of the word, Nature, as opposed to miracles, both vice and virtue are equally natural; and in the second sense, as oppos'd to what is unusual, perhaps virtue will be found to be the most unnatural. At least it must be own'd, that heroic virtue, being as unusual, is as little natural as the most brutal barbarity. As to the third sense of the word, `tis certain, that both vice and virtue are equally artificial, and out of nature.”
David Hume: A Treatise of Human Nature, Bk III: Of Morals, Sect.II
david hume A Treatise of Human Nature
„Das Sollen drückt eine Art von Notwendigkeit und Verknüpfung mit Gründen aus, die in der ganzen Natur sonst nicht vorkommt. Der Verstand kann von dieser nur erkennen, was da ist, oder gewesen ist, oder sein wird. Es ist unmöglich, daß etwas darin anders sein soll, als es in allen diesen Zeitverhältnissen in der Tat ist, ja das Sollen, wenn man bloß den Lauf der Natur vor Augen hat, hat ganz und gar keine Bedeutung. Wir können gar nicht fragen: was in der Natur geschehen soll; eben so wenig, als: was für Eigenschaften ein Zirkel haben soll, sondern, was darin geschieht, oder welche Eigenschaften der letztere hat“ Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, A 547
Die 1903 von Gerald E.Moore in der Principia Ethica aufgestellte "naturalistic fallacy", die naturalistische Täuschung, die dann auftritt, wenn "gut" mit einem natürlichen Objekt gleichgesetzt wird, ist ein Spezialfall zu Humes Prinzip. Die naturalistische Täuschung ist ein Übergang von wissenschaftlich Erfaßbarem zu wissenschaftlich nicht Erfaßbarem.
"But if he confuses »good,« which is not in the same sense a natural object, with any natural object whatever, then there is a reason for alling that a naturalistic fallacy ; its being made with regard to »good« marks it as something quite specitic, and this specitic mistake deserves a name because it is so common" G.E. Moore: Principia Ethica. Cambridge: Cambridge UP, 1996. Revised edition. S.65
Siehe dazu den Eintrag "Naturalistischer Fehlschluss" in Marcus Düwell, Christoph Hübenthal, Micha H. Werner, Hg. (2006): Handbuch Ethik. S. 454-456; ethik Besprechung.
Konrad Lorenz sah auch die Gefühle losgelöst von "gut": “Die Frage, ob Haß, Liebe, Treue, Mißtrauen usw. »gut« oder »schlecht« seien, ist ohne jedes Verständnis für die Systemfunktion dieses Ganzen gestellt und genauso dumm, als früge einer, ob die Schilddrüse nun gut oder schlecht sei.”
Konrad Lorenz (1973): Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit, S. 16; Lorenz Besprechung
“Aus der Tatsache eines sinn- und wertfreien, stummen, gleichgültigen und unendlichen Universums lässt sich keine Bewertung gewinnen, es sei denn, wir schrecken vor dem naturalistischen Fehlschluss nicht zurück.” Thomas Sukopp (2007): "Die Frage nach dem Sinn des Lebens ...Standpunkte zwischen Verzweiflung und Gewissheit". sukoppAurora Magazin – als sukopppdf
Es gibt auch Stimmen, die aufgrund der Kluft zwischen Sein und Sollen den Wissenschaftlern raten, die Folgerung vom Sein zum Sollen öffentlich zu unterlassen:
“Die Feststellung eines Ist-Zustandes, des 'Seins', ist von der Empfehlung, in bestimmter Weise tätig zu werden, vom 'Sollen' also, logisch strikt zu unterscheiden - auch wenn sich angesichts eines empirisch festgestellten Sachverhaltes zuweilen eine normative Schlussfolgerung scheinbar zwingend aufdrängen möchte. Nicht jedem Wissenschaftler scheint das wirklich klar zu sein.”
WilloweitDietmar Willoweit: "Zu viel Beratung", SZ, 20.1.2011 S. 18 –
Dietmar Willoweit: Jurist, Historiker; von 2006 bis 2010 Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.
Links
Gillian Russell Gillian Russell - Papers
humeHume's Law - Links and Reading List
HumeHume's Moral Philosophy 5. Is and ought - Stanford Encyclopedia of Philosophy
HumeIs–ought problem
fallacyNaturalistic fallacy
Humes Prinzip Herbert Huber: "Naturalistische Einwände gegen Humes Prinzip"
Steven Pinker Steven Pinker zum »was ist« und »was sein soll«
fallacyRhetOn: "Naturalistischer Fehlschluss"
Literatur
Elqayam, Shira, Jonathan St. B. T. Evans (2011): “Subtracting “ought” from “is”: Descriptivism versus normativism in the study of human thinking”. Behavioral and Brain Sciences 34, S. 233-290.
Flew, Antony (1964): "On Not Deriving 'Ought' from Is'". Analysis 25:2, S. 25-32.
Frankena, W. K. (1939): “The Naturalistic Fallacy”. Mind 48:192, S. 464-477. Deutsch “Der naturalistische Fehlschluss” in: Georg Meggle, Hg.: Seminar: Sprache und Ethik. Zur Entwicklung der Metaethik. Frankfurt: Suhrkamp, 1974, stw 91. S. 83-99. 
Gesang, Bernward (2003): "Tatsachen und Werte - eine total verschwommene Unterscheidung? Über eine prekäre Nahtstelle zwischen Wissenschaftstheorie und Ethik". Philosophia Naturalis Juni, S. 83-101.
Gommer, Hendrik (2010): "From the »is« to the »ought«: a Biological Theory of Law". Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie 96:4. S. 449-468
Guevara, Daniel (2008): "Rebutting formally valid counterexamples to the Humean “is-ought” dictum". Synthese 164.1, S. 45-60
Hudson, W. D. (1965): "The 'Is-Ought' Controversy". Analysis 25:6, S. 191-195.
Jobe, Evan K. (1965): "On Deriving 'Ought' from 'Is'". Analysis 25:5, S. 179-181.
Johnson, David A. (2004): Truth Without Paradox. Lanham, Maryland: Rowman & Littlefield.
Johnson Rezension
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Lüddecke, Dirk (2014): „Erstlingswerk: Der Konservatismus eines Radikalen. David Hume als Anatom politischer Loyalität”. In: Dirk Lüddecke, Felicia Englmann, Hg.: Zur Geschichte des politischen Denkens: Denkweisen von der Antike bis zur Gegenwart. Stuttgart: Metzler. S. 165-190.
Mavrodes, George I. (1964): "'Is' and 'Ought'". Analysis 25:2, S. 42-44.
McClellan, James E., B. Paul Komisar (1964): "On Deriving 'Ought' from Is'". Analysis 25:2, S. 32-37.
Morscher, Edgar (1972): "From ‘is’ to ‘ought’ via ‘knowing’". Ethics 83, S. 84–86.
Morscher, Edgar (1974): "Das Sein-Sollen-Problem logisch betrachtet: Eine Übersicht über den gegenwärtigen Stand der Diskussion". Conceptus 8:25, 5–29.
Morscher, Edgar (1984): "Sein-Sollen-Schlüsse und wie Schlüsse sein sollen". In:  W. Krawietz, H. Schelsky, G. Winkler & A. Schramm, Hg.: Theorie der Normen: Festgabe für Ota Weinberger zum 65. Geburtstag. Berlin: Duncker & Humblot. S. 421–439.
Müller, Jörn (2006): "Aristoteles und der naturalistische Fehlschluß". In: Burkhard Mojsisch, Olaf Pluta, & Rudolf Rehn, Hg.: Bochumer Philosophisches Jahrbuch für Antike und Mittelalter 11. S. 25-58.
Quintelier, Katinka, Linda Van Speybroeck, & Johan Braeckman (2011): “Normative Ethics Does Not Need a Foundation: It Needs More Science”. Acta Biotheorethica 59, S. 29-51.
Schurz, Gerhard (1994): "Hume's Is-Ought Thesis in Logics with Alethic-Deontic Bridge Principles". Logique et Analyse 37.147-48; S. 265-293. schurzonline auf der Webauftritt des Autors; siehe auch das Buch dieses Autors weiter unten.
Widerker, David (1991): "Frankfurt on 'Ought Implies Can' and Alternative Possibilities". Analysis 51:4, S. 222-224.
Wittgenstein, Ludwig (1989): “Vortrag über Ethik”. In: Schulte, Joachim, Hg.: Wittgenstein. Vortrag über Ethik und andere kleine Schriften. Frankfurt. 9-19. S. 13f.
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David Hume Naturalistischer FehlschlussDavid Hume. A Treatise of Human Nature. L. A. Selby-Bigge, Hg. Oxford UP 1985. Taschenbuch, 743 Seiten. David Hume
David Hume. A Treatise of Human Nature. Oxford UP 2000. 288 Seiten.Naturalistischer Fehlschluss
hume FehlschlussDavid Hume. Traktat über die menschliche Natur Buch II/ III. Über die Affekte / Über Moral. Theodor Lipps, Reinhard Brandt, Hg. Meiner, 1978. Fritz
Alexis Fritz: Der naturalistische Fehlschluss Der naturalistische Fehlschluss: Das Ende eines Knock-Out-Arguments. Freiburg: Herder, 2009. Taschenbuch, 428 Seiten Hume
Jensen FehlschlussSteven J. Jensen: Knowing the Natural Law: From Precepts and Inclinations to Deriving Oughts. Catholic University of America Press, 2015. Broschiert, 238 Seiten
kutschera FehlschlussFranz von Kutschera. Einführung in die Logik der Normen, Werte und Entscheidungen. Freiburg: Alber, 1973. 140 Seiten. Lütge
Christoph Lütge, Gerhard Vollmer: Fakten statt Normen? Zur Rolle einzelwissenschaftlicher Argumente in einer naturalistischen Ethik. Nomos 2004. Broschiert, 230 SeitenLütge
schurz Fehlschluss Gerhard Schurz: The Is-Ought Problem: An Investigation in Philosophical Logic. Dordrecht: Kluwer, 2007. 344 Seiten –
HumeBesprechung von Charles Pigden
wittgenstein
Ludwig Wittgenstein. Vortrag über Ethik und andere kleine Schriften. Joachim Schulte, Hg. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999. 142 Seiten Hume
Zsifkovits Fehlschluss Valentin Zsifkovits: Ethisch richtig denken und handeln. Berlin: Lit, 2005. Taschenbuch, 155 Seiten
hume Anfang

Naturalistischer Fehlschluss
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 19.10.2015