| Gottesstandpunkt Gottesperspektive
God's eye point of view |
| Der Begriff "Gottesstandpunkt" war lange bekannt und diskutiert, doch geht "God's eye point of view" AFAIK auf Hilary Putnam zurück. |
| "One of these
perspectives is the perspective of metaphysical realism. On this perspective,
the world consists of some fixed totality of mind-independent objects. There is
exactly one true and complete description of 'the way the world is'. Truth
involves some sort of correspondence relation between words or thought-signs
and external things and sets of things. I shall call this perspective the
externalist perspective, because its favorite point of view is a God's
Eye point of view." Hilary Putnam: Reason, Truth and History. Cambridge: Cambridge UP, 1995 [1981]. S. 48 Kurz darauf kommt Putnam zum Befund: "There is no Gods Eye point of view that we can know or usefully imagine; there are only the various points of view of actual persons reflecting various interests and purposes that their descriptions and theories subserve." Putnam, S. 50 |
Eine wichtige Unterscheidung ist, ob
man
Auch wenn man der epistemologischen These zustimmt, kann man es als Ziel der Wissenschaft sehen, möglichst weitgehend diesen Standpunkt einzunehmen. "Scientific knwoledge aims at being wholly impersonal. ..." (S. 17) Das Ziel ist es, die Welt zu beschreiben, wie sie einem Betrachter mit wunderbaren Fähigkeiten von außen her erscheint (S. 177). Bertrand Russell: Human Knowledge. Its Scope and Limits. London: Allen & Unwin, 1951 [1948]. Viele Religionen haben damit arge Probleme. Einerseits müssen sie die Einnahme des Gottesstandpunkts als Anmaßung verurteilen, andrerseits beanspruchen sie oft für ihre eigenen Glaubensgrundsätze absoluten Verbindlichkeit. Heinzpeter Hempelmann versucht diese Quadratur des Kreises in verschiedenen Essays, siehe Dabei wird zuerst die Revision des Weltbilds der klassischen Physik hervorgehoben, das vermeintliche Scheitern des logischen Positivismus betont, auf die Erschütterung der Fundamente der Mathematik durch Russell und Gödel hingewiesen und die Bemühungen um ein Abgrenzungskriterium der Wissenschaft von den Pseudowissenschaften beschrieben. Nachdem dann alles relativiert hat und alles beliebig wurde gilt es die Kurve zu nehmen um die eigene religiöse Position noch vernünftigerweise vertreten zu können, meist dann sogar mit einem Wahrheitsanspruch. |
| John Searle (und viele mit ihm) unterscheidet
intrinsische Merkmale der Objekte in der Welt und beobachter-relative Merkmale.
Intrinsische Merkmale existieren unabhängig von jedem Beobachter,
während beobachter-relative nur relativ zu einem externen Beobachter
existieren. Als Beispiel für ein intrinsisches Merkmal gibt Searle die
Masse eines Objekts. Sie existiert auch noch, wenn alle Menschen gestorben
sind. Dagegen ist die Funktion eines Gegenstandes, beispielsweise einer
Badewanne, beobachter-relativ. John Searle: Die Wiederentdeckung des Geistes. Frankfurt: Suhrkamp 1996 [The Rediscovery of the Mind, 1992]. S. 9 Searle spricht konsequent nicht vom Standpunkt Gottes. Dieser Begriff führt wieder einen Beobachter (wenn auch den allwissenden Gott) ein und der Ausdruck "point of view" suggeriert einen epistemischen Zugang und einen subjektiven Blickwinkel. Auf der anderen Seite kann man vieles nur durch einen angenommenen Gottesstandpunkt entscheiden. Beispiel: jemand sieht weiße Elefanten im Zimmer, der andere nicht. Beide haben aus ihrem subjektiven Blickwinkel recht. Wir unterstellen eine objektive Welt in der wir (die Mehrheit, die so René Descartes klar und deutlich wahrnimmt) die weiße Elefanten im Zimmer nicht feststellen können. Wir folgern, indem wir einen Gottesstandpunkt einnehmen: es gibt sie nicht. Der ontologische Realismus nimmt an, dass es eine Aussenwelt unabhängig von den Beobachtern gibt. Damit gibt es, bei aller Problematik des Begriffs, einen Gottesstandpunkt, den wir selbst nie einnehmen können. Intrinisische Merkmale werden durch den Gottesstandpunkt festgestellt. |
| Thomas
Nagel widmete dem Problem sein gesamtes Buch The View from
Nowhere. "This book is about a single problem: how to combine the perspective of a particular person inside the world with an objective View of that same world, the person and his viewpoint included. It is a problem that faces every creature with the impulse and the capacity to transcend its particular point of view and to conceive of the world as a whole." Thomas Nagel: The View from Nowhere. Oxford: Oxford UP, 1989 [1986]. S. 3 |
| Robert Spaemann dachte sich mittels des
Gottesstandpunkt einen feinen "Beweis" für die Existenz Gottes aus ( Es mag damit stehen wie es will: uns steht kein Gottesstandpunkt zur Verfügung. Wer sollte auch festlegen, wessen Standpunkt der neutrale und damit objektive Standpunkt ist (wenn nicht ein allwissender Gott angenommen wird)? Trotzdem verfällt unsere Erkenntnis nicht der Beliebigkeit. Man könnte zu jeder Erkenntnisaussage hinzufügen: von unserem (menschlichen) Standpunkt aus. Doch auf diesen stereotypen Index bei jeder Aussage kann man verzichten. Dahinter steht die Annahme, dass aufgrund der biologischen Voraussetzungen und der gemeinsamen Evolution, die Standpunkte aller Menschen gleiche oder zumindest ähnliche Erkenntnismöglichkeiten bieten. |
| Links |
| Hempelmann, Heinzpeter "Christlicher Glaube vor dem Forum kritischer Vernunft. Kritischer Rationalismus und Theologie als Wissenschaft". Neue Zeitschrift für Systematische Theologie und Religionsphilosophie 44.3 (2002). S. 307329 ; als |
| Literatur |
| Ghins, Michel (2005): "Putnam and the god's eye point of view". Croatian journal of philosophy 5,14. S. 235-243 |
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| Olaf Müller: Hilary Putnam
und der Abschied vom Skeptizismus oder Warum die Welt keine Computersimulation
sein kann. Paderborn: Mentis, 2003. Broschiert, 272 Seiten
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| Nagel, Thomas: Der Blick von
Nirgendwo. Frankfurt am Main, 1992. 423 Seiten
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| Putnam, Hilary: Vernunft,
Wahrheit und Geschichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1990. Taschenbuch,
293 Seiten
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| John R. Searle: The Rediscovery
of the Mind. The MIT Press 1992. Taschenbuch, 288 Seiten
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