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Agnostizismus
Argument für den starken religiösen Agnostizismus
Agnostizismus LinksAgnostizismus Literatur
Begriffsklärung
Der Agnostiker enthält sich des Urteils bezüglich eines Gotteskonzepts, oder allgemeiner bezüglich transzendenter Realitäten. Er hält die Frage, ob Götter existieren, für nicht entscheidbar.
Der schwache Agnostizismus hält die Urteilsenthaltung angemessen für eine vernünftige Person,
der starke Agnostizismus hält sie für erforderlich (Oppy 2009, S. 15).
Argumentation (S. 15)
Der Agnostiker kann sich darauf berufen, dass es dem bei uns weit verbreiteten orthodoxen christlichen monotheistischen Gotteskonzept Gm an guten Gründen und Belegen mangelt. Das Gotteskonzept Gm besagt:
“Es gibt einen allmächtigen, allwissenden, moralisch vollkommenen, personalen Gott, der das Universum ex nihilo erschaffen hat und es erhält”.
Ähnlich sieht der Agnostiker die Beleglage für andere Gotteskonzepte.
Der Anthropologe Anthony F. C. Wallace schätzte, dass mindestens 100.000 verschiedene Religionen im Laufe der Geschichte Anhänger fanden (Wallace 1996, S. 4). Die Anzahl der Religionen darunter ohne Gott oder Götter ist vernachlässigbar gering. Dagegen sind polytheistische Religionen recht häufig. Selbst wenn man die Götter einer polytheistischen Religion jeweils als ein Gotteskonzept auffasst, ist die Anzahl an Gotteskonzepten also 100.000 oder mehr. Das folgende Argument für den starken religiösen Agnostizismus geht aber auch mit bedeutend weniger Gotteskonzepten.
Der starke Agnostiker legt seiner Argumentation ein naheliegendes
Prinzip zur Akzeptanz von Überzeugungen zugrunde:
Wenn die vorhandenden Belege die untereinander unverträglichen Propositionen p1... pn mehr oder weniger gleich stützen, dann ist aus epistemischer Sicht Urteilsenthaltung notwendig.
Damit ergibt sich dieses Argument:
• Die vorhandenen Belege unterstützen das Gotteskonzept Gm ähnlich schwach wie die zahlreichen nicht kompatiblen Konzepte G1 ... Gn (100.000 < oder = n). Die Gotteskonzepte haben daher jeweils eine sehr niedrige subjektive Wahrscheinlichkeit.
• Das Prinzip zur Akzeptanz von Überzeugungen zwingt zur Urteilsenthaltung bezüglich jeglichen Gotteskonzeptes.
Für eine vernünftige Person ist die Urteilsenthaltung bezüglich eines Gotteskonzepts nicht nur angemessen, sondern sogar erforderlich.
Die folgenden vier Einwände können vorgebracht werden:
  1. Die Vertreter eines bestimmten Gotteskonzeptes werden einwenden, dass die Belege für das von ihnen vertretene Konzept ausreichend gut sind. Es ist nicht der Fall, dass alle Gotteskonzepte mehr oder weniger gleich gestützt werden.
    Doch Ähnliches behaupten auch die Befürworter der anderen Gotteskonzepte. Der Konflikt zwischen diesen inkompatiblen Gotteskonzepten bleibt unentscheidbar.
  2. Priorisierung: Das Gotteskonzept Gm liegt allen großen monotheistischen Weltreligionen zugrunde. Es zeichnet sich vor allen andern aus.
    Hier wäre die genau Begründung der Priorisierung zu prüfen, erst dann könnte man diesen Einwand entkräften.
  3. Der Pluralismuseinwand hält die Gotteskonzepte für kompatibel. Die Religionen haben kulturell bedingt unterschiedliche Ansichten zur selben transzendenten Realität (Ward 1990, S. 1). Nach der krassesten Form des Pluralismus ist es unerheblich, von welchem Gotteskonzept man überzeugt ist. Sie zielen alle auf dieselbe transzendente Realität.
    Der religiöse Pluralismus ist umstritten. Da die Gotteskonzepte G1 ... Gn wohl unterschieden sind, oft sogar widersprüchlich, ist Pluralismus in dieser allgemeinen Form wenig überzeugend.
  4. Ein epistemischer Konservatismus erlaubt es an einer Überzeugung festzuhalten, solange keine ausreichenden gegenteiligen Gründe vorliegen. Wer also – aus welchen Gründen auch immer, er mag sie vergessen haben– von Gm überzeugt ist, kann das vernünftigerweise weiter so halten. Keines der konkurrierenden Konzepte G1 ... Gn ist besser begründet.
    Dieses Prinzip ist ebenfalls umstritten. Es behauptet in der einfachsten Form, dass eine Überzeugung alleine schon dadurch für ihren Halter vernünftig wird, dass er sie hält. Zudem greift dieser Einwand nur, wenn man sich schon für ein Gotteskonzept entschieden hat.
Dem unvoreingenommen epistemischen Agenten bleibt also die Wahl zwischen sehr vielen, schwach begründbaren, inkompatiblen Konzepte G1 ... Gn. Wenn die Beleglage für jedes der Konzepte so dürftig ist, muss man – ähnlich wie bei einer Lotterie mit 100.000 oder mehr Losen (Lotterie-Paradox und Vorwort Paradox, siehe Agnostizismus Links) – von jedem Konzept überzeugt ist, es sei eine “Niete“.
Ist Atheismus angebracht?
Wenn man so jedes erdenkliche Gotteskonzept für extrem inplausibel hält, dann hält man alle für inakzeptabel. Wäre dann nicht eine atheistische Haltung angebracht, die eine Existenz von Göttern verneint? Das Lotterieparadox zeigt, dass das nicht geboten ist. Selbst wenn für jedes Los die Gewinnchance sehr klein ist: im Standardfall der fairen Lotterie gewinnt ein Los garantiert, im allgemeinen Fall kann zumindest ein Los gewinnen. Man kann also jedes Los für eine Niete halten und kann trotzdem nicht daraus folgern: Keines der betrachteten Lose gewinnt.
Oppy gibt das folgende Beispiel. Es gibt derzeit keinen guten Grund für intelligente Wesen auf dem fünften Planeten im System Vega. Die richtige Einstellung ist aber, dies für sehr unwahrscheinlich zu halten.
Es bleibt bei der agnostischen Position, das heißt der Urteilsenthaltung zu jedem der zahlreichen Gotteskonzepte (Oppy 2009, S. 22).
Links
Agnostizismus Glaube und Vernunft
Agnostizismus Gottesbeweise: Links und Literatur
Agnostizismus David Johnson: Hume, Holism, and Miracles
Agnostizismus Literatur zu religiöser Glaube und Vernunft
Agnostizismus Lotterie-Paradox und Vorwort Paradox
Agnostizismus Bertrand Russell: Why I Am Not a Christian, and Other Essays on Religion and Related Subjects
Agnostizismus Anmerkungen zur Rhetorik und informalen Argumentationstheorie
Literatur
Wallace, Anthony F. C. (1966): Religion: An Anthropological View. New York: Random House.
Ward, Keith (1990): "Truth and the Diversity of Religions". Religious Studies 26:1, S. 1-18.
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Oppy OppyOppy, Graham: Arguing about Gods. Cambridge: Cambridge University Press, 2009. Taschenbuch, 472 Seiten
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 1.6.2011