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Lehmann
Menschwerdung und Embryonenschutz
Karl Lehmann u.a. zu Menschwerdung und Embryonenschutz – kirche Linkskirche Literatur
Die katholische Kirche (u.a.) vertritt die Ansicht, dass mit der Vereinigung von Ei und Samenzelle der Mensch mit Seele entsteht. Allerdings ...
• befreit die katholische Kirche die mit der Erbsünde belastete Seele erst neun Monate später durch die Taufe. Nach katholischer Lehre wird die Erbsünde erst durch die Taufe aufgehoben. Bis vor wenigen Jahren kamen daher alle Seelen der Menschen, die vor der Taufe starben oder erst nicht geboren wurden, in die Hölle oder Vorhölle. AFAIK ist das inzwischen anders.
"... die [katholische] Kirche [lehrte] stets, daß das unermeßliche Elend, das auf den Menschen lastet, und ihr Hang zum Bösen und zum Tode nicht verständlich sind ohne den Zusammenhang mit der Sünde Adams und mit dem Umstand, daß dieser uns eine Sünde weitergegeben hat, von der wir alle schon bei der Geburt betroffen sind" (embryoKatechismus: Erbsünde #403).
• ist die Argumentation für genau diesen Zeitpunkt zumindest bei Karl Lehmann (immerhin Kardinal) schwach. Allerdings gibt er im ZEIT-Essay vom 17.1.2008 nicht alle Argumente preis; er hat also (hoffentlich) noch bessere Argumente im Köcher; die hier ausser Betracht bleiben müssen, da Lehmann sie nicht nennt.
"Hier können nicht alle Argumente bis ins Detail dafür vorgelegt werden, dass der Embryo von seiner Entstehung her, also von der Vereinigung von Ei- und Samenzelle, von Anfang an ein Mensch ist. Es gibt keinen Moment in der Entwicklung, an dem man sagen könnte, erst hier werde der Embryo zum Menschen. [...] Es gibt in diesem Ablauf keine Zäsur, von der sich sagen ließe, hier entstehe etwas völlig Neues." Die ZEIT, 17.1.2008, S. 10
Manche Wissenschaftler geben den Zeitpunkt der Menschwerdung später an. Es gibt auch nach der Vereinigung von Ei- und Samenzelle noch wichtige Einschnitte im Prozeß. Lehmann selbst die Einnistung als einen möglichen späteren Beginn der Menschwerdung.
Lehmanns Argument ist aber grundsätzlich schwach. Denn wenn man eine vage Eigenschaft hat (und das behaupten andere zur Eigenschaft "Mensch sein"), so steht man immer vor der Schwierigkeit: Wann bezeichnet man eine Sandkörneransammlung als Sandhaufen? Nimmt man Lehmanns Argumentation, so ergibt sich:
Bei der Anhäufung von Sandkörnern gibt es keinen Moment, an dem man sagen könnte, erst hier wird die Sandkörneransammlung zum Sandhaufen. Es gibt in diesem Prozess keine Zäsur, von der sich sagen ließe, hier entstehe etwas völlig Neues. Daher ist schon das einzelne Sandkorn ein Sandhaufen.
Ich hoffe, jeder vernünftige Mensch sieht, dass diese Folgerung falsch ist. In nahezu stufenlosen Prozessen muß man den Beginn einer vagen Eigenschaft eben vage lassen oder definitorisch festlegen. Das kann zu Beginn sein (da klingt Lehmanns Festlegung im Menschwerdungsfall diskutabel; im Beispiel des Sandhaufens ist die Festlegung auf 1 Sandkorn nicht überzeugend) oder später.
Auch in der Phylogenese des Menschen führt Lehmanns Argument (das er für die Ontogenese anführt) zu absurden Konsequenzen:
In der Phylogenese des Homo spapiens gibt es keinen Moment in der Entwicklung, an dem man sagen könnte, erst hier werde das Lebewesen zum Menschen. Es gibt in diesem Ablauf keine Zäsur, von der sich sagen ließe, hier entstehe etwas völlig Neues. Daher ist schon jedes Lebewesen in der Abstammungslinie vor ihm ein Homo spapiens.
Wieder erscheint die Konklusion so unannehmbar, dass man die gesamte Argumentatiosnlinie besser verwirft.
• Lehmann bringt aber noch ein weiteres Argument, das man kurz mit "in dubio pro vita" zusammenfassen kann. Selbst wenn es in der Diskussion unterschiedliche Standpunkte bezüglich des Beginn menschlichen Lebens gibt, so ist das Thema so überlebenswichtig (zumindest für den Embryo), dass man zur sicheren Variante greifen soll. D.h. Menschwerdung zum Zeitpunkt der Befruchtung.
Das Argument hat viel für sich. Wieder aber steht die Praxis der Katholischen Kirche entgegen.
1) Oben wurde schon die Taufe erwähnt, die ohne Willenszustimmung des Säuglings nach der Geburt erfolgt. Also keinesfalls zum Zeitpunkt der Befruchtung oder sobald als möglich danach.
2) Beim geborenen Leben hält sich die Katholische Kirche ebenfalls nicht an "in dubio pro vita". In kunstvollen Argumentationen hat sie sehr viel zur Lehre des Gerechten Krieges (kirche Links) beigetragen und vertritt auch heute noch die Position, dass es angebracht sein kann gegen andere Menschen Krieg zu führen. Damit nimmt man in Kauf, dass sowohl die eigenen Soldaten, als auch die bekämpften, aber auch zahlreiche Zivilpersonen getötet werden. Das verfolgte Ziel übersteigt damit das Lebensrecht.
3) Das geborene Leben wird im Rang auch nicht mit der Empfängnisverhütung gleichgestellt. Diese bleibt verboten, auch wenn man sich damit das HI-Virus zuzieht. Siehe dazu:
4) Beim Einsatz für die Menschenwürde des geborenen Lebens schweigt die Katholische Kirche ebenfalls (ausgenommen bei starkener Behinderung oder kurz vorm Tod).
Es ist zumindest unredlich, wenn nicht gar scheinheilig, andere an "in dubio pro vita" zu erinnern, wenn man selbst in vielen Fällen gegen das Leben entscheidet (wobei dahingestellt sei, ob diese höheren Ziele den Tod anderer rechtfertigen; ich bezweifle es).
• Zum Schluß seines Essays verwendet Lehmann eine Überredungsfigur (Argument wäre überzogen), die man schon nicht mehr hören kann.
"Irren kann schließlich auch die Wissenschaft (vgl. nur die neue Darstellung des Wissenschaftshistorikers Ernst Peter Fischer Irren ist bequem. Wissenschaft quer gedacht, Stuttgart 2007)." Es folgt noch der Hinweis, dass Christen die Wahrheit bezeugen müssen. Die ZEIT, 17.1.2008, S. 10 - Zum zitierten Werk, siehe Mensch Literatur
Daran ist richtig: die Wissenschaft kann irren. Doch wenn es um menschliche, chemische, biologische oder medizinische Sachverhalte geht, wird man eher dem Wissenschaftler vertrauen als dem Laien oder Theologen. Doch Christen halten sich in manchen Fragen nicht nur für kompetent, sondern behaupten sogar die Wahrheit aus der Bibel, dank göttlicher Eingebung oder durch Verlautbarung des jeweiligen Papstes zu kennen.
Das ist an Arroganz kaum zu überbieten: der Wissenschaftler wird erinnert, dass er irren kann, die katholische Kirche (in bestimmten Belangen) jedoch nicht lehmann.
Karl Lehmann: "Im Zweifel für das Leben. Embryonenschutz ist keine Frage des Stichtags", Die ZEIT, 17.1.2008, S. 10
Links
Mensch Bellum Justum – Der Gerechte Krieg
embryoBioethik-Kommission Bayern
embryoBioethik-Kommission Rheinland Pfalz
embryoDFG: Standpunkte und Hintergründe zur Stammzellforschung
embryoEmbryonenforschung
embryoEmbryonenforschung, Klinikheute.de
embryoEmbryonenschutz
embryoNationaler Ethikrat
embryoWebseite zum Thema Klonen (und Stammzellen, Embryonenforschung, PID, ...)
embryoWikio: Embryonenschutz
embryoZentrale Kommission zur Wahrung ethischer Grundsätze in der Medizin und ihren Grenzgebieten
Literatur
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ethik embryo Dieter Birnbacher: Bioethik zwischen Natur und Interesse. Frankfurt: Suhrkamp, 2006. Taschenbuch, 393 Seiten boecher
Urs Peter Böcher: Präimplantationsdiagnostik und Embryonenschutz. Zu den Problemen der strafrechtlichen Regelung eines neuen medizinischen Verfahren. Vandenhoeck & Ruprecht 2004. Broschiert, 223 Seiten embryo
damschen embryo Gregor Damschen, Dieter Schönecker, Hg.: Der moralische Status menschlicher Embryonen. Pro und contra Spezies-, Kontinuums-, Identitäts- und Potentialitätsargument. Berlin: Gruyter, 2002. Taschenbuch, 339 Seiten fischer
Ernst Peter Fischer: Irren ist bequem. Wissenschaft quer gedacht. Stuttgart: Franckh-Kosmos, 2007. Gebunden, 189 Seiten embryo
  Roland Graf: Klonen: Prüfstein für die ethischen Prinzipien zum Schutz der Menschenwürde. Eos, 2003. Gebunden, 452 Seiten embryo graf
ethik embryoHolger Haßmann: Embryonenschutz im Spannungsfeld internationaler Menschenrechte, staatlicher Grundrechte und nationaler Regelungsmodelle zur Embryonenforschung. Berlin: Springer,2007. Taschenbuch, 317 Seiten ethik
Thomas Heinemann, Jens Kersten: Stammzellforschung. Naturwissenschaftliche, ethische und rechtliche Aspekte. Freiburg: Alber, 2007. Broschiert, 248 Seiten embryo
hoerster embryoNorbert Hoerster: Ethik des Embryonenschutzes. Ein rechtsphilosophischer Essay. Ditzingen: Reclam, 2002. Taschenbuch, 134 Seiten embryo
Reinhard Merkel: Forschungsobjekt Embryo. München: Dtv, 2002. Taschenbuch. 294 Seiten embryo
dfg embryo Senatskommission für Grundsatzfragen der Genforschung, Hg.: Stammzellforschung in Deutschland - Möglichkeiten und Perspektiven: Möglichkeiten und Perspektiven. Standpunkte. Wiley 2007. Taschenbuch, 193 Seiten wormer
Eberhard J Wormer: Stammzellen - Mehr Wissen? Lingen: 2003. Gebunden, 90 Seiten embryo
Menschwerdung Anfang

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